Als knapp Vierjähriger kam er nach der Trennung der Eltern zu den väterlichen Großeltern, weit fort von Wien. Er lernte dort eine neue Sprache und Hebräisch, denn sein Großvater war nicht nur ein tüchtiger Geschäftsmann, der zwei Banken leitete, sondern er war außerdem ein großer Gelehrter; ein Vertreter der Haskala, der im ständigen Studium war und sich in der Welt des Geistes zu Hause fühlte. Er war ein »das Wort Liebender«, wie sein Enkel ihn später nannte.

Dass er seiner Mutter nie wieder begegnete, bezeichnete er später mit »Vergegnen«, womit er das Verfehlen einer wirklichen Begegnung meinte, das ihn sein Leben lang beschäftigte. Er lernte die Chassidim kennen, die ostjüdischen Frommen, die ihn tief beeindruckten. Was sich zwischen Menschen abspielt, ob es zur Begegnung oder zur Vergegnung führt, ist die zentrale Grunderfahrung, die zum Denkinhalt und zu seiner Lehre werden sollte.

Den Vater, der sein Landgut selbst bewirtschaftete und echten Anteil nahm am Leben der Knechte, Kleinbauern und Pächter, durfte er besuchen. Im Bethaus befremdeten ihn die Beter. Aber als er den Rebbe durch die Reihen schreiten sah, wurde er sich bewusst, was Gemeinde bedeutet, und bekam eine Ahnung von der gemeinsamen Ehrfurcht und Seelenfreude, die die Grundlagen der wahren Menschengemeinschaft sind.

Erst mal besuchte er das polnische Gymnasium, und als 18-Jähriger verbrachte er das Wintersemester an der Wiener Universität. Er sagte über sich: »Solang ich bei (meinem Großvater) lebte, war ich in den Wurzeln gefestigt … danach, bis in mein zwanzigstes Jahr war mein Geist in stetiger und vielfältiger Bewegung, in einem von mannigfaltigen Einflüssen bestimmten, immer neue Gestalt annehmenden Wechsel von Spannungen und Lösungen, aber ohne Zentrum und ohne wachsende Substanz.« Von Wien ging er nach Leipzig, wo er den größten Eindruck von Bachs Musik bekam. Bald darauf in Zürich, beschäftigten ihn Philologie, Germanistik, Literatur- und Kunstgeschichte, sogar Psychiatrie und Nationalökonomie.

Während seiner Studienzeit befasste er sich mit dem Zionismus und Theodor Herzl. Für ihn war der Zionismus eine Weltanschauung: »Denn Zion ist mehr als eine Nation, Zionismus ist Bekenntnis zu einer Einzigartigkeit … Ein Name für etwas, was an einem geographisch bestimmten Ort werden soll; in der Sprache der Bibel: der Anfang des Königtums Gottes über alles Menschenvolk.«

Nun besann er sich darauf, dass nur Hebräisch die Sprache ist, die er bei seinem Großvater gelernt hatte, und mit deren Hilfe er die schöpferischen Urkunden adäquat in eine abendländische Sprache übersetzen konnte. Seine Frau, die keine Jüdin war, und die er als Kommilitonin kennen gelernt hatte, unterstützte ihn bei seinem gewaltigen Werk, dessen Aufgabe ihm immer klarer wurde.

Nur in Begegnungen könne der Mensch sich verwirklichen. Begegnungen waren für ihn Dialoge, waren Zwiesprache, Angesprochenwerden und Antwort. Sie waren immer auch Partnerschaft, und dies galt ihm sowohl für die Begegnung des Lehrers mit dem Schüler als auch für den Menschen mit Tieren und Dingen. Die dialogische Begegnung bedeutete ihm Selbstverwirklichung und Schöpfung.