Jeder kennt TUI. Zumindest jeder, der einmal im engen Flieger mit dem Lächel-Logo gesessen, im Robinson Club getanzt oder an Bord des Kreuzfahrtschiffs MS Europa getafelt hat. TUI ist der größte Touristikkonzern Europas. 18 Millionen Menschen schickte der Riese aus Hannover im vergangenen Jahr auf die Reise. Tausende sind diesen Sommer wieder mit TUI unterwegs, doch mit den Gerüchten, die den Konzern derzeit betreffen, können wohl nur wenige etwas anfangen.

Selbst die eigenen Manager reagierten ratlos, als die Investmentbanker von Morgan Stanley vergangene Woche verkündeten, sie hielten 10,1 Prozent am Kapital von TUI. Firmenchef Michael Frenzel ereilte die Nachricht auf einer Reise nach Moskau. "Es gab keinerlei Vorwarnung", sagte er aufgeschreckt. Er habe keine Ahnung, was dahinter stecke. Tatsächlich gibt es nur zwei Erklärungen – angenehm für Frenzel ist keine davon. Entweder treiben Spekulanten ihr Spiel mit dem Konzern. Oder hinter der Bank versteckt sich ein Stratege, der eine feindliche Übernahme plant.

Umso erstaunlicher, dass der Konzernchef die Signale, die durchaus existierten, übersah. Schon im Mai nämlich gab die Investmentbank Morgan Stanley ihren Einstieg bei TUI bekannt. Damals meldeten die Banker der Finanzaufsichtsbehörde Bafin eine Beteiligung von fünf Prozent, inzwischen haben sie ihr Engagement einfach weiter erhöht. Auch über seinen Hauptaktionär, die Düsseldorfer WestLB, musste sich TUI-Chef Frenzel längst Gedanken machen. Die Bank, die 31 Prozent des Tourismuskonzerns hält, steckt schwer in der Krise. Bisher hat sie keine TUI-Papiere abgestoßen. Dabei hatte ihr Vorstandsvorsitzender Thomas Fischer den Verkauf schon kurz nach seinem Antritt im Januar zur Chefsache erklärt.

Eine ungewohnte Situation für Michael Frenzel, dem Käufe und Verkäufe zwar nicht fremd sind, bei denen er bisher aber stets die Richtung vorgab. So baute er über Jahre hinweg den alten Mischkonzern Preussag zum Touristikriesen um und wurde dafür 2000 mit dem Titel "Manager des Jahres" ausgestattet. Von 70000 Mitarbeitern seien 60000 neu, sagte Frenzel noch vor einem Jahr stolz – nachdem er fast alle Altaktivitäten mitsamt Arbeitnehmern verscherbelt hatte. Inzwischen beschäftigt er nur noch 64000 Leute, und viele von ihnen blicken bange in die Zukunft.

Frenzel hatte Pech. Er hatte seinen Konzernumbau in eine Krise hineingeplant, die die Tourismusbranche besonders hart traf. Nach den Anschlägen im September 2001 stockte die Weltkonjunktur, geblieben ist die Unlust am Fliegen. Die späteren Anschläge auf Ferienziele in Bali und Djerba verstärkten den Effekt noch.

Inzwischen ist das Fernweh zwar bei vielen zurückgekehrt. "Der Wendepunkt war Mitte 2003", sagt Christian Obst, Tourismusexperte der HypoVereinsbank in München. "Für dieses Jahr rechne ich weltweit mit einer deutlichen Erholung." Im Kurs der TUI-Aktie spiegelt sich das bisher aber nicht wider. Der Kurs sank auch 2004 wieder kräftig. Inzwischen tut das Unternehmen alles, um dagegen anzukämpfen. So hat TUI die Veröffentlichung der Halbjahresbilanz auf diese Woche vorverlegt, um mit guten Zahlen die Gunst der Anleger zu gewinnen. Doch viele zweifeln inzwischen an der Strategie von TUI. Anfangs überzeugte der Anbieter durch seine Allgegenwart: Wer Kunden mit Hilfe eigener Reisebüros in eigenen Flugzeugen zu eigenen Hotels dirigiert, verdient auf jeder Stufe – so die Idee der Konzern-Architekten. In der Krise wurde klar, dass das Ganze auch eine Kehrseite hat. Schließlich bringt es wenig, den eigenen Kollegen Rabatte für Flüge und Übernachtungen abzuringen.

Aus dem Börsenstar mit der starken Story ist ein Wackelkandidat geworden. Ein Wert, der leicht aus dem Dax purzeln könnte, wenn die Deutsche Börse Anfang September den Index der 30 stärksten Aktien neu zusammenstellt. Seit Wochen wird auf dem Parkett darüber diskutiert, ob Puma im Index den Platz von TUI einnehmen wird. Das wäre schlecht für den Reisekonzern, denn ein durch Kursverluste verursachter Ausstieg aus dem Dax würde weitere Kursverluste nach sich ziehen. Viele Fonds bilden mit ihren Portfolios nämlich bloß den Index nach. Sie müssten TUI dann verkaufen.

Darauf wiederum könnten andere spekulieren, die so genannten Hedgefonds. Wenn sie bei einem Unternehmen mit sinkenden Kursen rechnen, tätigen sie Leerverkäufe. Sie verkaufen Papiere, die sie gar nicht haben, in der Annahme, sich diese später billiger beschaffen zu können, wenn sie ihren Vertrag erfüllen müssen. Die Aktien dazu besorgen Investmentbanken wie Morgan Stanley. Und genau über diesen Punkt streiten sich die Experten, seit Morgan Stanley sein TUI-Engagement publik machte. Wurden all die vielen Aktien gesammelt, um Spekulanten auszuhelfen? Oder steckt mehr dahinter? Im ersten Fall müsste TUI-Chef Frenzel nur den Dax-Abstieg fürchten, im zweiten Fall wäre sein Lebenswerk bedroht.