Eine mehr oder weniger verhüllte Großfamilie aus Teheran ist an Bord des Ausflugsbootes. Dann sind da noch zwei deutsche Frauen mit Rucksäcken und geöffneten Reiseführern, vier laute Russen in Versace-Badeschlappen und vier Russinnen, die in Pumps auf den Planken des Bootes herumstakeln. Der Kapitän und zwei Matrosen rauchen eine nach der anderen und wissen nicht, wohin mit ihren Blicken. Es ist kurz nach 18 Uhr an der Türkischen Riviera, jenen 170 Kilometern Südküste zwischen Kemer im Westen und Alanya im Osten.

Die Luft riecht nach Salz und ein wenig nach Fisch, die Sonne richtet sich langsam am Horizont ein. Das Boot kurvt im Hafen von Antalya, der Metropole dieser Küste, und schippert dann ostwärts an den steilen Klippen entlang. Auf den Klippen, zwischen Hotelanlagen, denen auch die Gnade der Distanz nicht groß hilft, steht dicht gedrängt der Wahnsinn des türkischen Wohnungsbaus. Hoffnungsmüde und illusionslos stechen die Hochhäuser in den makellosen Himmel.

In ihnen wohnt eine türkische Mittelschicht, die außer einer grandiosen Aussicht wenig hat. 500 Euro im Monat verdient ein Polizist nach 20 Dienstjahren, und der Großteil seines Gehalts geht für die Tilgung diverser Kredite drauf. Trotzdem wirkt so ein typischer Mittelständler nie mittellos. Er fährt einen soliden Mittelklassewagen und träumt unverdrossen seinen Traum vom Wohlstand, von 1000 Euro monatlich und einem größeren Wagen. Er träumt denselben Traum wie sein Land, das auch pleite ist, aber immerzu von einer goldenen Zukunft fantasiert. Und wenn eine Hoffnung sich zerschlägt, stürzt es sich in eine neue.

Die neue Stadt bekommt 26 Hotels, 60 Geschäfte und keine Moschee

Die letzte große Hoffnung brachte es zumindest bis zu einer PowerPoint-Präsentation. Recep Tayyip Erdog˘an selbst, der Premierminister, stellte im Januar in Istanbul vor, was übersetzt "2010 – die touristischen Visionen der Türkei und die zweite Angriffsperiode" heißt. Das Land will mit Yacht-, Kur- und Kulturtourismus weg vom Image des Billigstreiseziels. Das Kleinvieh soll weiter auf den ihm zugewiesenen Weiden und Ställen Mist machen, während neues Großvieh auf neuen Höfen große Haufen beisteuert. Beide zusammen sollen in den nächsten sechs Jahren die Anzahl der Touristen von heute 15 Millionen auf 30 Millionen verdoppeln, den Gewinn aus dem Tourismus von 12 Milliarden Dollar auf 30 hoch schrauben, und die Anzahl Fremdenbetten von heute 600000 (mehr als die Hälfte davon an der Riviera) auf über eine Million treiben. 15000 Kilometer neuer doppelspuriger Straßen sollen die Vision befahrbar machen.

Eine dieser neuen Straßen führt schon von Antalya nach Lara, 15 Kilometer im Osten. Die heruntergewirtschafteten Hotelburgen im Ortskern stammen noch aus der vom damaligen Premier Turgut Özal Mitte der achtziger Jahre eröffneten ersten touristischen Angriffsperiode. Man fährt weiter auf der neuen Straße, zur linken Hand in der Ferne das graue Taurusgebirge, rechts die Küste, fährt durch fruchtbares Land, das beinahe im Alleingang die Türkei mit Gemüse versorgt. Es ist eine schöne Fahrt, die einen nach der Hektik Antalyas und der Tristesse Laras versöhnlich stimmt, aber dann ist die neue Straße zu Ende und wird zur Schotterpiste.

Man holpert weiter durch eine Sumpflandschaft. Die Hitze steht. Durch das Flimmern der Luft hindurch erscheint nach ein paar Minuten die Baustelle einer neuen Welt. Es ist das neue Lara, das 2007, wenn es fertig gebaut sein wird, jährlich eine Million Touristen beherbergen soll. Man hört Bagger wühlen, lautes Klopfen, Fräsen, Hämmern. Man sieht Kräne, Lastwagen, Männer mit Helmen auf Baugerüsten, man sieht ein Heer von Betonmischmaschinen und Flutlichtanlagen, weil in drei Schichten rund um die Uhr gebaut wird. Von geplanten 26 Hotels zu je rund 1000 Betten stehen sechs. Mindestens 60elegante Geschäfte sollen internationales Flair versprühen, ein Amphitheater für 10000 Zuschauer und eine Open-Air-Taverne für 3000 Gäste sind geplant, Parkplätze, Cafés, Diskotheken, Einkaufszentren, alles soll da sein – bis auf eine Moschee, ein Minarett und ein Muezzin.

Schon jetzt, wo Neu-Lara kaum mehr ist als ein Plan, scheint der Enthusiasmus verflogen. Man müsse "realistisch sein", sagt Ahmet Barut, der Präsident des türkischen Hotelverbandes und selbst mit einem Hotel am Projekt beteiligt ist. Das soll wohl heißen, dass zumindest die Rentabilität des Unternehmens noch nicht infrage steht. Auch von Hüsnü Gumus, dem Attaché des Kultur- und Tourismusministeriums in Frankfurt, ist nur zu hören, "dass man solche Anlagen aus Nachfrageaspekten einfach haben muss".