Der Poker um das iranische Atomprogramm ist eine Hintergrundkrise der Weltpolitik, vor sich hin summend unter den dramatischeren Geräuschkulissen wie Irak oder Palästina – an- und abschwellend, den Sicherheitsexperten von Tel Aviv bis Washington aber immer quälend im Ohr. Jetzt ist die Lautstärke schroff hochgedreht worden. Teheran hat eine Abmachung mit Großbritannien, Frankreich und Deutschland aufgekündigt, nach der die Iraner einstweilen auf die Anreicherung von Uran verzichten wollten. Die Anreicherung kann Brennmaterial für Kernkraftwerke liefern (so die offiziell erklärte iranische Absicht), sie kann aber auch den Sprengstoff für Atombomben erzeugen – das ist der westliche Verdacht, für die Amerikaner eigentlich eine Gewissheit. Es gehört zum Spielchencharakter dieses diplomatischen Kräftemessens, dass Iran mit der Anreicherung selber noch zu warten behauptet – nur die Zentrifugen, die man dafür braucht, die hat es angeblich wieder zu bauen begonnen.

Für Europäer, die seit 1989 aus dem Nuklearschatten herausgetreten sind, ist kaum mehr begreiflich, wie sehr die Bombe in raueren Weltgegenden die ultimative Machtwährung geblieben ist. Israel, das sie im Nahen Osten als einziger Staat besitzt, wäre ohne Zweifel willens, eine iranische Atomwaffenproduktion per Luftangriff zu zerstören – wenn man denn sicher sein könnte, damit die richtigen Anlagen auszuschalten. Aber auch die führenden arabischen Staaten würden schwerlich tatenlos zusehen, wie der Sonderkoloss Iran (nichtarabisch, nichtsunnitisch) zur regionalen Vormacht aufsteigt. Als nächster Schritt also ein atomar gerüstetes Ägypten oder Saudi-Arabien?

Als Briten, Franzosen und Deutsche den Iranern im vergangenen Herbst den Anreicherungsstopp und schärfere Atomkontrollen abrangen, wurde das als Erfolgsmodell europäischer Außen- und Sicherheitspolitik gefeiert, gewissermaßen als ziviler Gegenentwurf zum amerikanischen Irak-Krieg. Für die Europäer steht daher im Fall Iran eine ganze politische Idee auf dem Spiel: der Anspruch, einen eigenen, manchmal sogar überlegenen Beitrag im Kampf gegen die Hauptgefahr des 21. Jahrhunderts leisten zu können, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen. Venus wollte Mars zeigen, dass man Ungeheuer nicht erlegen muss; man kann sie auch dazu bringen, einem aus der Hand zu fressen. Wenn die Kooperation mit Teheran platzt, steht der europäische Diplomatismus als Illusion und Lebenslüge da.

Die europäische Iran-Politik mag unvollkommen sein, die amerikanische indes ist nachgerade inexistent. Militärisch können die Vereinigten Staaten Iran nicht drohen, da sie im Irak übergenug zu tun haben, und ein demokratischer Umsturz in Teheran zeichnet sich nicht ab – es ist auch schwer zu sagen, wie sich Volk und Regierung dann zur Nuklear(waffen)frage stellen würden.

So bleibt wenig mehr als die Hoffnung, dass Iran am Ende doch vor der Isolation zurückschreckt, die der Preis des Bruchs mit Europa wäre. Ein elender Pariastaat in einem undurchdringlichen Atompanzer zu werden, wie Nordkorea, ist kein verlockendes Schicksal.