Wenn ich träume, dann mit geöffneten Augen. So, als wollte ich meinen Visionen, meinen Hoffnungen und Wünschen direkt ins Zentrum schauen. Wer behauptet, Träume seien unsichtbar, der irrt. Ich fühle mich von ihnen umgeben, kann sie anfassen und spüre, wie sie mal ganz nah und wieder weit entfernt sind. Als Wissenschaftlerin träume ich vielleicht anders als ein Künstler oder Sportler. Von Franz Müntefering las ich, dass er Kain irgendwo in den Urwald stellen wollte, um ihn danach zu fragen, warum er mit dem Mord an seinem Bruder Abel die Gewalt in die Welt trug. Ich träume eher von der Zukunft und versuche herauszufinden, wie mit unserer Erde alles begann und wie es in zehntausend Jahren aussieht. Ich mache eine Reise durch die Zeiten – und lande auf einem Planeten des Wissens.

Ich träume davon, auf Lebewesen zu treffen, die ihren Wissensdurst auf eine andere Weise stillen, als wir es derzeit tun. Ich treffe auf die Hochschule meiner Träume, ein Schlaraffenland des Wissens. Ständig werden Erfahrungen im Umgang mit Neuem generiert, ohne dass der Alltag ein Störfaktor ist. Bibliotheken sind keine Rückzugsmöglichkeit in einen Elfenbeinturm, sondern Räume, in denen man beginnt zu verstehen, was man in der Welt gelernt hat.

Längst sind die Grenzen zwischen Elite und Breitenförderung überwunden; es ist selbstverständlich, dass die, die noch mehr zu leisten imstande sind als andere, in besonderer Weise unterstützt werden. Das Bedürfnis nach Bildung hat sich weit über den normalen Horizont hinaus entwickelt. Es gibt keine Grenzen des Wissens mehr. Keine Grenzen des eigenen Wollens. Paradiesische Zustände, eine traumhafte Welt.

Als Vorsitzende des Ministerrats für Weltraumforschung hatte ich zwar ein Amt; doch eine Erkundungsmission, ein Raumschiff, eine Crew – die hatte ich nicht. Ich greife einfach danach, als würde ich eine Seifenblase berühren wollen, die ein Kind ausgeblasen hat. Da steht es vor mir, ein silbrig-glänzendes High-Tech-Gerät, für das ich eine Mannschaft brauche, die ich mir im Traum natürlich aussuchen kann. Die Männer und Frauen meiner Crew sind allesamt Meister ihres Fachs. Sie wissen um die Konsequenzen ihres Handelns, sie haben Visionen, lassen die Meinungen anderer gelten und nehmen sich nicht wichtiger als den Kollegen nebenan.

Ich wähle Männer aus, denen Platzhirschgebaren fremd ist, solche, die nicht hinter geschlossenen Türen über Dinge reden, die sie sich von Angesicht zu Angesicht nicht zu sagen trauen. Diesen Charakterzug mag ich nicht; er kommt mir aus meiner täglichen Arbeit allzu bekannt vor.

Auf einer Reise durch die Zeit, zu einem Planeten, auf dem die Gesellschaft weitaus zivilisierter miteinander umgeht als auf der Erde, ist es unumgänglich, von Menschen seines Vertrauens umgeben zu sein.

So wären meine Schwester und andere Freundinnen von mir an Bord, die weder wissenschaftlich arbeiten noch ein politisches Amt bekleiden. Aber auch auf dem Raumschiff meiner Träume wäre die Wissenschaft ohne die Künste eine traurige Disziplin. Maler nehme ich mit, denn ich kann nicht zeichnen; Musiker wären dabei, Schriftsteller und Lyriker. Und auch leider längst Verstorbene: Rosa Luxemburg, Hannah Arendt, Orson Welles, die Schauspielerin Margaret Rutherford. Obwohl ich mir schwerlich vorstellen kann, "Geister" an Bord zu haben, sind mir diese Menschen und das, was sie leisteten, doch sehr nah.