Zum Beispiel Malcolm X. Wäre er nicht wegen eines minderen Vergehens im Gefängnis gelandet, aus dem Straßendieb und Gelegenheitszuhälter wäre kein begeisterter Leser geworden. Der Leser hätte sich nicht für sozialreformerische Angelegenheiten interessiert, der Sozialreformer hätte keine weitere Wandlung zum charismatischen Redner durchlaufen, kurzum: Malcolm Little, so hieß er ursprünglich, hätte sich kaum zu jenem Malcolm X entwickelt, wie wir ihn aus Film und Fernsehen kennen, ein Mann, der den Schwarzen Amerikas Selbstbewusstsein predigte und dabei immer radikalere Wege einschlug.

Gedankenspiele sind etwas Schönes, wenn sie von philosophisch interessierten Musikern angestellt werden, wie beispielsweise von The Roots aus Philadelphia. Malcolm X ziert das Cover ihrer mittlerweile siebten CD, ein Porträt des Aktivisten als junger Mann mit Hut, der umso fremder zurückschaut, je mehr man in seinem Gesicht zu lesen versucht. Als Rätselfigur aus den Sechzigern demonstriert er allerdings perfekt, was hier bewiesen werden soll: dass alles fließt. Dass man niemals nie sagen soll. Dass selbst kleine Schritte große Auswirkungen haben können. Mögen die menschlichen Verhältnisse noch so unveränderlich wirken, immer ist da der berühmte Flügelschlag des Schmetterlings, der winzige Lufthauch, von dem aus das Geschehen sich in eine andere Richtung bewegt.

The Tipping Point – Wendepunkt – haben The Roots ihren jüngsten Entwurf genannt, frei nach dem Erfolgsbuch eines anderen Malcolm, des Journalisten Malcolm Gladwell. Letzterer rührte Elemente aus Chaostheorie, Kontingenzforschung und Virologie zu einem populären Cocktail zusammen, der in etwa besagt, dass Ideen sich epidemisch ausbreiten und Dinge, die gerade noch am äußersten Rand der Aufmerksamkeit lagerten, urplötzlich wieder ins Zentrum rücken können. The Roots haben die Sache noch etwas zugespitzt, eine utopische Note ins Spiel gebracht. Unter Einfluss des spekulativen Denkens von Rapper Black Thought und Schlagzeuger Ahmir "?uestlove" Thompson, den beiden Köpfen der Band, entstand ein von elastischen Beats begleiteter Appell an die Zuhörerschaft, dem ewigen Fluss der Veränderung zu folgen.

Auf dem Gebiet des US-HipHop kommt das einer Wendung gleich, mit der bis vor kurzem nicht zu rechnen war. Was aus den technisch hochgerüsteten Produktionsstätten in die Hitparaden gelangte, gab sich in den letzten Jahren strictly antiutopisch, interessiert nur am schnellen Emporkommen, symbolisiert in Luxusgütern und verkörpert von kaum bekleideten Frauen. Get rich or die trying – nichts spiegelte die vorherrschende attitude des Genres so deutlich wie die millionenfach verkaufte Gangsta-Moritat des tätowierten Muskelmanns und Exsträflings 50 Cent. Seit die Welt allerdings ein noch unsicherer Ort wurde, als sie es immer schon war, seit fest gefügte Fronten durcheinander gerieten und offenbar niemand, nicht einmal der mächtigste Mann des mächtigsten Staates, zu kalkulieren vermag, welche Taten welche Folgen mit sich bringen, steigt der Bedarf an alternativen Botschaften wieder an.

The Roots sind nur die derzeit gefragtesten Vertreter einer Nouvelle Vague des Sprechgesangs, deren Protagonisten nach Jahren kleiner und mittlerer Erfolge plötzlich zu Erneuerern des Genres aufstiegen. Talib Kweli, Mos Def, Dilated Peoples, Kanye West gelten, je nach Ausrichtung ihrer Fähigkeiten, als innovative Rapper oder zukunftsweisende Produzenten. Wests Konzeptalbum The College Dropout – es erzählt von einem armen Studienabbrecher, der seine Misere durch Hinwendung zur Musik der Väter kuriert – wird schon jetzt als Klassiker gefeiert. Dass auch Arrested Development, die Mamas und Papas eines milde sozialkritischen, von Idealen des Landlebens inspirierten HipHop nach zehn Jahren Pause gerade mit einer neuen Platte zurückkehren, passt in die Konjunktur.

Gemeinsam ist diesen höchst unterschiedlichen Talenten der Blick zurück nach vorn, eine Besinnung auf Wurzeln und Ziele. Dem kommerziellen Erfolg zum Trotz, der sich nicht zuletzt in Nebenjobs als Hitlieferanten für etablierte Stars der Black Music ausdrückt, verstehen sie sich als Sprachrohr des Untergrunds. Oft ist die soziale Organisationsform die Kommune, locker um ein oder zwei Führungsfiguren gruppiert, die damit unter Beweis stellen, dass sie dem Leben in der Nachbarschaft verbunden blieben. Auch echte Instrumente statt digitaler Samples dienen der Glaubwürdigkeit. "Keeping it real", die älteste und zugleich allgemeingültigste Formel des HipHop, wird noch einmal zum Maß der Dinge. Entsprechend basisnah die Inszenierung: viel Afrofrisuren, Rastalocken, wilde Bärte, Kapuzenjacken und Sonnenbrillen, aber keine Goldketten. Leitfigur ist nicht mehr der egoistische Gangster, sondern der ghetto philosopher, der für die Gemeinde mitdenkt.

Es sind aber nicht allein Motive aus der old school des Rap, die unter veränderten Bedingungen aufgegriffen werden. Die Suche geht zurück in die Sechziger, als die Parole vom schwarzen Stolz sich in die allgemeine Aufbruchsstimmung mischte. Kommunitaristische Ideale kehren wieder wie in der Neighborhood Watch der beiden MCs von Dilated Peoples, die man in ihrem jüngsten Video rappend und teachend durch die Straßen von Los Angeles ziehen sieht. Zu den vielen Botschaften, die Kanye West bereithält, gehört auch die Kritik an einer selbstsüchtigen schwarzen Mittelschicht ohne Sinn fürs Spirituelle. Die reformierten Arrested Development wiederum singen unverdrossen das Hohelied auf Gott, Familie und angemessenes Sozialverhalten. Ihr in Benetton-bunten Gewändern vorgetragener HipHop-Ethno-Funk weckt Erinnerungen an die Sanftmut der Hippies: Steter Tropfen höhlt den Stein.