Für französische Bauernfunktionäre markiert der Genfer Kompromiss der Welthandelsorganisation WTO den Untergang des Abendlandes. Also der europäischen Agrarwirtschaft. I wo, sagt Gerd Sonnleitner, Präsident des Deutschen Bauernverbandes: Das "Europäische Landwirtschaftsmodell" sei durch das Rahmenabkommen vom vergangenen Wochenende für alle künftigen Verhandlungen "verankert" worden. Wer hat Recht?

Bei dem fünftägigen Verhandlungsmarathon ging es um Ackerbau und Viehzucht, aber auch um den Welthandel, von Industriezöllen über Dienstleistungen bis hin zu den Subventionen. Nötig war dieses Finale am 1. August, weil sonst die letzte Frist vor Ende der so genannten Friedenspflicht verstrichen wäre. Ohne Einigung im Grundsätzlichen, dass Subventionen und Handelshemmnisse weiter abgebaut werden sollen, hätten die WTO-Mitglieder frühere Abmachungen gebrochen. Zwangsläufig hätten sie sich binnen kurzem in mehreren Handelsfragen vor dem Schiedsgericht der Welthandelsorganisation wiedergetroffen.

So besehen, ist das Abkommen von Genf ein Fortschritt nach einer Serie von gescheiterten Verhandlungen, von der "Schlacht von Seattle" bis zur Blockade im mexikanischen Cancún vergangenes Jahr. Ein Erfolg ganz einfach, weil sich alle Staaten wenigstens im Prinzip einigen und die Gespräche in Gang halten konnten. Wären die 147 WTO-Mitglieder gescheitert, dann hätte ohne das Rahmenabkommen auch gedroht, dass in vielen Fällen künftig nur bilateral festgezurrt würde, wo weiter subventioniert und protegiert werden darf. Leicht auszumalen, wer gerade im Bereich Landwirtschaft zwischen Nord und Süd, Starken und Schwachen dabei den Kürzeren gezogen hätte.

Zudem ist dieser WTO-Kompromiss nur Etappe, nicht Endstation. Die Verhandlungsführer aus Europa und den Vereinigten Staaten, aus Brasilien oder Indien sollen im Dezember 2005 in Hongkong alles Nähere regeln, also Kalender, Modalitäten, Zielgrößen. Die Landwirtschaft wird, was die Summen angeht, nur 15Prozent ausmachen, aber den Großteil der Zeit kosten. In Hongkong wird also im Detail verhandelt, angefangen mit Ausfuhrhilfen für einzelne Produkte über Marktzugang bis zu Direktsubventionen. Kurzum, erst im Jahr 2005 wird gefeilscht und gerungen, was Europas Bauern im Alltag treffen könnte.

Den EU-Agrarier kümmert es dabei nur wenig, dass auf den amerikanischen Farmer die größeren Herausforderungen zukommen. Nicht nur im Garten Frankreichs werden manche Landwirte misstrauisch, wenn sie der Pariser Agrarminister Hervé Gaymard mit der Aussicht beschwichtigt, der angekündigte Subventionsabbau werde allenfalls "in einem Zeithorizont 2015 oder 2017" erfolgen. Die Kosten dieses Kompromisses werden, so fürchtet selbst Sonnleitner, den Bauern "noch großen Anpassungsdruck und finanzielle Schmerzen" bereiten.

Der Schmerz der Milch- und Getreidebauern wird sich aber wohl deshalb in Grenzen halten, weil sie in Europa längst auf dem Weg in die Zukunft sind, und das auf eine eher beruhigende, weil geordnete Weise. Die EU-Agrarreform vom Juni des vergangenen Jahres lässt sich nämlich durchaus als nützliche Anpassungshilfe ans Weltgeschehen deuten. Damals wurde eine Senkung der Garantiepreise (an sich schon ein Absurdum in einer Marktwirtschaft) für Milch, Fleisch und Getreide festgeschrieben. Die Direkthilfen der EU für ihre Bauern werden von der Produktion entkoppelt – Schluss mit dem unsinnig gewordenen Produktivismus der Nachkriegs- und Mangeljahre. Und was an Hilfen – das Wort Subventionen nimmt in Brüssel niemand mehr gern in den Mund – künftig noch gezahlt wird, ist zunehmend an Auflagen beim Umwelt- oder Tierschutz geknüpft.

Nette Pointe, dass jetzt ausgerechnet die Franzosen, die diese Reform hart bekämpft haben, die größte Hoffnung in sie setzen. Mit dem Verweis auf den beschlossenen Wandel glauben sie in den WTO-Detailverhandlungen manchen Schutzmechanismus einbauen zu können. Geschützt wird Europas Landwirtschaft zudem durch Auflagen und Regeln, die im WTO-Slang als "nichttarifär" eingestuft werden und von sanitären Vorschriften bis zu Etikettierungsregeln reichen. Außerdem kam in Europas Agrarwirtschaft der Abbau der Exporthilfen ganz gut voran. Heute werden nur mehr 2,8 Milliarden Euro zugeschossen, wo vor zehn Jahren noch 10 Milliarden flossen. Vorleistungen, die den wohl anstehenden Subventionsabbau nach WTO-Regeln abmildern werden.

Damit leben die europäischen Landwirte gewiss nicht sorgenfrei. Abbau von Subventionen bedeutet Umbau. Beispiel Getreide: Nach Ansicht von EU-Agrarminister Franz Fischler und seinen Fachleuten hat die Union davon genug. Andererseits mangelt es an Raps. Die Brüsseler Leitlinien ermutigen darum den Wandel dort, wo er sinnvoll erscheint.