Nur selten verläuft im Kino die Zeit so linear und am Schnürchen, wie in den Filmen, die sich an halluzinatorische Orte wie die Wüste begeben. Auch wenn die Konturen in der flirrenden Hitze zu schmelzen und die Sekunden zu flocken scheinen, zieht mit den Karawanen, die sich durch dieses überdimensionale Stundenglas arbeiten, der Lauf der Dinge gleichmäßig und von allem Drängen einer verspäteten Moderne unbeeindruckt dahin. In Abderrahmane Sissaskos Film Heremakono – Warten auf das Glück, der in Cannes den Preis der internationalen Filmkritik erhielt und auf dem wichtigsten afrikanischen Festival in Ouagadougou als Sieger prämiert wurde, verzwirbeln sich lineare Zeit und Bewegung mit einer so großen wie unbestimmten Sehnsucht. Alles beginnt mit einem Sandsturm in Nouadhibou, einem winzigen Ort an der mauretanischen Küste.

Eine Bö treibt einen Busch vor sich her wie eine gelangweilte Katze eine halbtote Maus. Der Wind wird schwächer, Menschen treten aus den Schutz ihrer Häuser, richten Gewänder und Turbane und machen da weiter, wo sie aufgehört haben. Maata, der Elektriker, beerdigt sein Radio. Eine Mutter flicht ihrer Tochter die Haare. Eine Gruppe Reisender steigt wieder in den viel zu engen Kombi, bis zum nächsten Motorschaden.

In Nouadhibou wartet man auf das Visum, einen neuen Pass, den Stempel für die große Passage nach Europa. Auch der 17-jährige Abdallah kommt hierhin, weil er fort will. Er besucht noch einmal seine Mutter, um Abschied zu nehmen von etwas, das es wohl nie gab. Wie ein Fremder wird der Sohn begrüßt: In einem Dialekt, den Abdallah nicht beherrscht, ermahnt ihn die Mutter, nicht zu rauchen und die europäischen Kleider gegen traditionelle Gewänder zu wechseln. Der kleine Khatra lehrt ihn ein paar Brocken der fremden Sprache, gerade ausreichend, um neugierig zu werden und die Abfahrt vorerst zu vertagen.

Sissaskos zweiter Spielfilm ist eine weitverzweigte Allegorie über Exil und multiple Entfremdung. Immer wieder kontrastiert der mauretanische Regisseur, der im Nachbarstaat Mali aufwuchs, in Moskau studierte und heute in Frankreich lebt, das Ephemere kontrastreich mit der Ewigkeit, die sich genüsslich zwischen Wüste und Himmel breit gemacht hat. Kurzlebigkeiten wie eine Glühbirne, eine Fehlzündung, aber auch die rasanten Verfallszeiten einer nur zart angetupften Verliebtheit zwischen Abdallah und der stillen Nana spielen eine ebenso gewichtige Rolle wie der Sand, auf dem der Wind seine Monogramme zeichnet, oder die Hitze, die allzu schnelle Bewegungen mit vorzeitiger Erschöpfung bestraft. Die Menschen im Dorf haben ihr seit jeher nichts anderes entgegenzusetzen als einen freundlichen Fatalismus, den vor allem die Jüngeren nicht immer zu ertragen wissen. Und so findet Abdallah in dem zwölfjährigen Khatra bald einen wissbegierigen Seelenverwandten, der seinen Meister, den wenig erfolgreichen Elektriker Maata, gerne zu größeren Experimenten animieren würde. Doch wenn ein intaktes Kabel partout keinen Strom leitet, bleibt das für den Alten eine höhere Weisung, der man nicht durch langwieriges Tüfteln auf den Grund gehen sollte. Der Glaube des Jungen an die rätselfreie Mechanik von Ursache und Wirkung bleibt wie die meisten anderen Versuche, die Moderne in Nouadhibou einziehen zu lassen, unbeachtet.

Das Dorf zwischen der Wüste und dem Atlantik, hinter dem irgendwo das ganz Andere wohnt, gleicht einem Wartesaal. Zwischen Europa und Afrika, Zukunft und Vergangenheit. Vom großen Glück ist nie die Rede, nur von einer Ahnung, dass alles auch ganz anders sein könnte. Das Leben als Transit, so summt Sissaskos Utopie zwischen flatternden bunten Tüchern und beschränkten Blicken durch nur fernsehergroße Fenster. Das Glück liegt am Ende nicht in der Ankunft, sondern vorfreudig im Warten selbst.