Brüssel
Kaum mehr als zwei Wochen bleiben José Manuel Barroso, dem künftigen Kommissionspräsidenten der Europäischen Union, um sein neues Team zusammenzufügen. In der entscheidenden Frage, wer der nächsten Kommission angehören wird, durfte er nicht einmal mitreden, das bestimmten allein die nationalen Regierungen. Barroso bleibt es überlassen, aus dieser unter allen möglichen Gesichtspunkten zusammengewürfelten Truppe eine schlagkräftige Einheit aufzubauen. Wer bekommt dazu am besten welches Ressort? "Für ihn könnte der August zum politischen Albtraum werden", erbarmte sich die Financial Times.

Umso entschiedener verbittet sich der Portugiese Einmischungen in diesen letzten Spielraum, der ihm bei der Gestaltung seiner Kommission noch bleibt. Vorsorglich erteilte er der Idee eines Superkommissars eine Absage, die in Berlin, Paris und London entstanden war. In seiner Mannschaft säßen neben ihm künftig 24 Super kommissare, schwor er vor dem Europäischen Parlament. Ausgerechnet Günter Verheugen, von Berlin frühzeitig als inoffizieller Vize der Kommission vorgeschlagen, sprang seinem künftigen Chef jetzt bei. Die Europäischen Verträge, mahnte der Sozialdemokrat, schrieben das Kollegialprinzip vor. Kein Kommissar habe also Weisungsrechte gegenüber einem anderen, und keiner könne mehrere Ressorts zugleich verantworten.

In der Tat hätte der Berliner Vorschlag mit Super- und damit zwangsläufig auch mit Juniorkommissaren das labile Gleichgewicht der Kommission empfindlich gestört. Eine Begehrlichkeit weckt die andere. Barroso hätte es nicht nur mit dem einen Superkommissar zu tun bekommen, sondern sich garantiert drei oder vier Schwergewichten gegenüber gesehen, die einen herausragenden deutschen Kommissar ausbalancieren müssten. Das aber hätte Folgen für Barroso selbst.

Beim Blick aufs Personaltableau fällt auf: So viel politische Erfahrung war nie - und so wenig eigene europäische Anschauung auch nicht. Der künftigen Kommission gehören drei ehemalige Regierungschefs, fünf altgediente Außenminister, drei erfahrene Finanzminister an. Zugleich aber bringen nur drei Kommissare langjährige Erfahrung im Brüsseler Betrieb mit - eben Verheugen, daneben die schwedische Umweltkommissarin Margot Wallström sowie die Luxemburgerin Viviane Reding, bisher zuständig für Kultur- und Medienpolitik.

Manchen der Künftigen zog es, manchen schob es hin nach Brüssel. Der Brite Peter Mandelson etwa war trotz seiner Freundschaft mit Tony Blair auf der Insel nicht mehr vermittelbar - der skandalumwitterte "Fürst der Finsternis" soll jetzt zur Lichtgestalt in Europa werden. Der tschechische Premier Vladimir Špidla zog zu Hause nur noch Hohn und Hass auf sich, was lag da näher, als in Brüssel Zuflucht zu suchen. Belgiens Außenminister Louis Michel wirkte nach den Verlusten seiner Liberalen bei den jüngsten Regionalwahlen zermürbt. Und seine Wiener Kollegin Benita Ferrero-Waldner hatte zu Hause ihre Pflicht und Schuldigkeit getan. Sie darf sich jetzt mit Michel ums Entwicklungshilferessort zanken. Für diese Aufgabe bringt sie als einstige Entwicklungs-Staatssekretärin ebenso Erfahrung mit wie Michel als viel gereister Afrikakenner einer ehemaligen Kolonialmacht.

Der französische Kommissar Jacques Barrot, Peter Mandelson sowie der bisherige Erweiterungskommissar Günter Verheugen gelten als Kandidaten für ein strategisches Ressort, das den so genannten Lissabon-Prozess umfasst. Dieser soll die Union bis 2010 zum "WWWW" entwickeln, zum "wettbewerbsfähigsten, wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt". Bislang war dafür der Binnenmarktkommissar zuständig. Wer von den drei Genannten hier leer ausgeht, wird wohl um das mächtige Wettbewerbsressort oder auch das ausgabenträchtige Regionalressort wetteifern. Fatale Folge: Die drei Großen, längst unter Verdacht, sich in der erweiterten Union ihr exklusives Direktorium einzurichten, säßen an den Schaltstellen der Brüsseler Macht. Und das in einem Augenblick, da Madrid und Rom, die Kleineren unter den Großen, nicht mithalten können.

Italien, immerhin einst Gründungsmitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, leidet unter der Formschwäche und Sprunghaftigkeit Silvio Berlusconis. Erst verpatzte der seine prestigereiche Ratspräsidentschaft und ließ am eigenen Unvermögen fast den Verfassungsvertrag scheitern. Dann wechselte er in innenpolitischer Zwangslage den profilierten Wettbewerbskommissar Mario Monti gegen den bisherigen Europaminister Rocco Buttiglione aus. Dieser ist ein vielsprachiger Philosoph und als Papst-Berater zudem mit Segen von oben beglückt, verharrte aber auf europäischem Parkett stets artig im Schatten des Cavaliere Berlusconi. Auf alle Fälle ist Buttiglione kein Mann fürs Ökonomische. Monti scheidet verbittert und erinnert jetzt daran, wie gering der ökonomische Kredit für jeden italienischen Kommissar war, bevor er nach Brüssel wechselte. Zu Montis Bilanz gehört auch die Erfahrung, "dass Frankreich und Deutschland, denen die Union viel verdankt, heute die Integration bremsen". Womöglich ein diskreter Fingerzeig für Barroso, nicht allzu viel Macht bei den beiden Kommissaren aus diesen Ländern zu konzentrieren?