Vier Milliarden Menschen werden zusehen, wenn morgen das älteste Sportfest der Welt beginnen wird. Zwei Wochen lang wird sich ein Großteil der Menschheit auch für Synchronschwimmen, Dressurreiten oder Gehen interessieren. Mit den Olympischen Spielen entwirft die Weltgemeinschaft ein Idealbild von sich: So wären wir gerne – spleenig, aber fröhlich, siegeshungrig, aber friedlich, patriotisch, aber tolerant, dazu ewig jung und gut gebaut. Und das Fernsehen trägt die schöne, mächtige Illusion bis in die letzte Jurte.

Doch bei der Rückkehr an den Ursprungsort, nach Griechenland, steht nichts Geringeres zur Diskussion als die Zukunft Olympias. Der Schatten des 11. September 2001 liegt auf den Spielen. Sie sind die größte Massenveranstaltung auf Erden; und der Aufwand, für 14 Tage den olympischen Frieden wenigstens an den Wettkampfstätten zu sichern, ist gigantisch. 1,2 Milliarden Euro, rund ein Fünftel der Gesamtausgaben, werden in die Sicherheit investiert. Mehr als 70000 Polizisten, Soldaten und Wachleute sollen die 22000 Athleten und ihre Zuschauer schützen. Im Himmel über Athen kreisen Aufklärungsflugzeuge der Nato, am Boden registriert das weltweit modernste Sicherheitssystem jede verdächtige Bewegung bei diesem Fest der Dynamik. Wenn irgendjemandem – islamistischen Terroristen, griechischen Anarchisten oder verwirrten Einzelgängern – dennoch ein Anschlag gelingen sollte, wäre Olympia auf Jahrzehnte hinaus erledigt. Mehr Sicherheit geht nicht, und wenn das nicht reicht – welches Land wollte dann noch das Risiko einer solchen Veranstaltung übernehmen?

Dann ständen alle anderen Wettkämpfe dieser Größenordnung auf der Kippe, auch die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Hier ist absolute Sicherheit vielleicht noch schwerer zu gewährleisten. Eine WM dauert doppelt so lange wie die Spiele, und sie findet verteilt über ein ganzes Land statt. Wie viele Milliarden ist es uns wert, zwei oder vier Wochen trügerischer Ruhe herzustellen?

Doch auch den Furchtlosen wird die Liebe zu den Spielen nicht leicht gemacht. So zuverlässig, wie am Ende der Eröffnungsfeier ein Feuerwerk kommt, so gehen auch vor dem Beginn dieser Spiele ein paar Korruptionsfälle hoch. In einer Günstlingsorganisation wie dem IOC und bei einem Ereignis, das so viel Geld umsetzt, wird wohl ein Teil der Geschäfte immer schmutzig sein. Um den Schmutz einzudämmen, versprach der IOC-Präsident Jacques Rogge, die Spiele kleiner zu machen. Doch daraus ist nichts geworden. Im Gegenteil. Ein paar Tage Spitzensport halten die jeweiligen Gastgeberländer inzwischen länger als zehn Jahre in Atem. In Zukunft wird die bange Frage, ob auch alles rechtzeitig fertig wird, nicht mehr allein zur Griechenland-Folklore gehören. Längst sind die meisten Städte und Länder von diesem Mega-Ereignis überfordert.

Und dann ist da noch die wahre Pest der Spiele, das Doping. Niemand mag das Wort mehr hören, aber so desaströs wie dieses Mal war die Lage noch nie. Wenn am Samstag die erste Athener Goldmedaille vergeben wird, sind nicht einmal alle wahren Sieger von Sydney bekannt – weil noch heute, vier Jahre danach, Dopingsünder von damals enttarnt und disqualifiziert werden. Dabei geht es nicht um irgendwelche Gewichtheberinnen und ihre mühsam kaschierten Damenbärte. Es trifft das Herzstück der Spiele, die Leichtathletik. Und nicht ein paar Mitläufer, sondern die Superstars, vor allem aus den USA.

Die Optimisten behaupten, die vielen Fälle würden nur die gestiegene Qualität der Kontrollen belegen. Die Pessimisten glauben, dass inzwischen flächendeckend gedopt wird. Egal, wer Recht hat – alle Spitzenleistungen sind plötzlich verdächtig. Selten ist vor den Spielen so wenig über die Superstars gesprochen worden; man misstraut ihnen. Und jeder Shooting-Star muss sich die Frage gefallen lassen, welche Apotheke seine Leistungsexplosion möglich gemacht hat.

Dabei hat sich das aufgeklärte Publikum doch längst damit abgefunden, dass bestimmte Weltrekorde aus der Zeit vor den systematischen Kontrollen niemals fallen werden, die 10,49 Sekunden von Florence Griffith-Joyner über 100 Meter zum Beispiel. Eine Zeit für die Ewigkeit, die die schöne Athletin wohl mit dem Leben bezahlt hat: Die Olympiasiegerin von 1988 starb mit nur 39 Jahren unter ungeklärten Umständen.