Die Rechtschreibreform der Kultusministerkonferenz (KMK) von 1996 habe zu "Verunsicherung" geführt und gleiche gar einer "staatlich verordneten Legasthenie". So begründeten vorige Woche einige Chefredakteure, Herausgeber und Verlagsleiter ihre verabredete Rückkehr zur Orthografie wilhelminischen Ursprungs. Einen Beweis der flotten Behauptung sind sie schuldig geblieben. Die Mehrheit der Lehrer und Millionen Schüler haben die neue Rechtschreibung angenommen.

Mit der Abkehr von jener Reform, so errechneten die Konterreformer, erreichten sie 60 Prozent aller deutschen Leser. Es geht ihnen also um orthografische Deutungsmacht im Lande. Was als Sorge um Lesbarkeit und Logik der Sprache einherkommt, erweist sich als sommerliches, politisches Herrschaftsspiel, das keineswegs um die Beseitigung aller Zweifelsfälle kreist; denn die Rechtschreibreform ist in diesen viel toleranter als ihre Vorgängerin aus dem Jahre 1901.

Das gesprochene Wort kann seine kollektive Prägung nicht verleugnen; das geschriebene Wort hingegen bedarf spätestens seit Gutenbergs Revolution eines autoritativen Regelwerks – bei Strafe der Unlesbarkeit. Fragt sich nur, wer das Recht hat, solche Beliebigkeit einzudämmen. Für einen Staat, der Schulpflicht und Grundschulausbildung beaufsichtigt, liegt es nahe, dass er diese Aufgabe übernimmt. Ihre Lösung an linguistische Fachleute gewählter Politiker zu delegieren, statt sie publizistischen Sprach- und Machtliebhabern zu überlassen, leuchtet ein.

Selbstverständlich ist jeder schulisch verbindlichen Rechtschreiblehre eine Idee von bürgerlichem Gehorsam eingeschrieben. Dass ausgerechnet konservative Verlage sich als Gehorsamsverweigerer profilieren, macht sie nicht zu heroischen Widerstandskämpfern. Sie nehmen sich lediglich ihr Recht heraus, zu schreiben und zu drucken, wie sie wollen. Dieses Recht kann ihnen auch das Bundesverfassungsgericht nicht nehmen. Es hat allerdings entschieden, dass die KMK-Kommission mit ihrer Beschlussfindung kein Grundrecht verletzt hat. Noch am 3. Juni haben die deutschen Kultusminister die Reform einstimmig bestätigt.

Das populistische Pathos freilich, mit dem sich die CDU-Politiker Jürgen Rüttgers und Christian Wulff ein paar Wochen später für eine Rücknahme der Reform einsetzen, die von allen maßgeblichen Institutionen der Republik genehmigt worden ist, dieses Pathos offenbart komische Spätfolgen des Apo-Zeitalters.

Eine einheitliche Rechtschreibung in den Schulen ist sinnvoll. Niemand erwartet, dass sich Dichter dieser Ordnung beugen. Und niemand kann die private Presse oder Buchverlage zwingen, staatlichen Schreibanweisungen zu folgen. Doch der Gestus des revolutionären Aufstands gegen neue Trennungsregeln ist so glaubwürdig wie die zwanzigste Bild- Schlagzeile zum Liebesleid von Uschi Glas.