Der 6. April war ein guter Tag. Genau genommen war es der vorerst letzte gute Tag, jedenfalls für die Ölverbraucher. Damals kostete ein Fass Rohöl an der New Yorker Börse weniger als 35 Dollar. Jetzt liegt der Ölpreis in New York bei weit über 40 Dollar.

Wie kommt das? Gibt es etwa weniger Öl? Ist die Nachfrage dermaßen gestiegen? Oder ist es die viel zitierte "Terrorprämie", die den Preisauftrieb erklärt? Und überhaupt: Wollte die Opec – die Organisation der Erdöl exportierenden Staaten, deren Mitglieder für immerhin 40 Prozent des weltweiten Ölangebots sorgen – den Stoff nicht für einen Preis zwischen 22 und 28 Dollar pro Barrel verkaufen?

Offiziell hält die Opec an ihrer Preisspanne für das 159-Liter-Fass fest. Aber das Kartell hatte zu Beginn des Jahres die Marktlage vollkommen falsch eingeschätzt und die Produktion verringert. Das ließ die Preise steigen. Denn 28 Dollar hin oder her: Die Zeiten, da Ölanbieter und -nachfrager zu im Voraus fest verabredeten Preisen, so genannten posted prices, ins Geschäft kommen, sind längst vorbei. Stattdessen bildet sich der Ölpreis so wie der Preis für jedes andere Gut: aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage auf Märkten. Der wichtigste Marktplatz für Öl ist die New York Mercantile Exchange (Nymex). Für Europa wird der Ölpreis an der International Petroleum Exchange (IPE) in London gemacht, für Asien an der Singapore Exchange (SGX).

An diesen elektronischen Handelsplätzen treten alle auf, die Öl kaufen oder verkaufen wollen – und zwar zu einem im Voraus festgelegten Zeitpunkt, zum Beispiel in 14 Tagen, in 5 Monaten oder in 2 Jahren. Weil die Ölmultis ExxonMobil, Royal Dutch Shell, ChevronTexaco, BP oder TotalFinaElf selbst nur einen Bruchteil der weltweiten Ölmenge fördern (gemeinsam weniger als 15 Prozent), müssen auch sie sich an den Börsen eindecken. Hinzu kommen Ölhändler wie zum Beispiel das Hamburger Unternehmen Mabanaft, das zu den führenden Ölimporteuren Nordwesteuropas zählt.

Nicht jeder, der mit Öl handelt, ist aber auch an dem Produkt interessiert. Neben den kommerziellen Händlern, die tatsächlich Öl (wet barrel) kaufen oder verkaufen wollen, treten auch so genannte "nichtkommerzielle" Händler auf: Spekulanten, die aus dem Auf und Ab der Preise Kapital schlagen, ohne jemals in den Besitz von auch nur einem einzigen Tropfen Öl kommen zu wollen. Womit sie handeln, sind paper barrel: Spekulieren sie, wie momentan, auf steigende Preise, dann kaufen sie Öl in der Erwartung, dass sie den Kontrakt vor Fälligkeit zu einem noch höheren Preis weiterverkaufen können; die Differenz ist ihr Gewinn. Auf sinkende Ölpreise lässt sich ebenfalls spekulieren.

Nach dem Reglement der Commodity Futures Trading Commission (CFTC), einer Aufsichtsbehörde der amerikanischen Regierung, muss sich jeder Broker an der Nymex als "kommerzieller" oder "nichtkommerzieller" Händler registrieren; für die Londoner Börse existieren solche Vorschriften nicht. Nur die Statistik der CFTC liefert deshalb Anhaltspunkte über das Ausmaß der Spekulation. Danach waren sämtliche "nichtkommerzielle" Händler in der vergangenen Woche per Saldo mit fast 80000 Kontrakten (à 1000 Fass) "long", wie es in der Börsensprache heißt: Sie saßen auf Verträgen über die Lieferung von 80 Millionen Fass Öl, die sie nie wirklich haben, sondern nur gewinnbringend weiterveräußern wollen. 80 Millionen Fass entsprechen ungefähr der weltweiten Tagesproduktion von Rohöl.

Oliver Franz, Volkswirt bei der Frankfurter ING BHF-Bank, beobachtet das Geschehen an den Ölbörsen seit längerem genau. Dabei hat er festgestellt, dass der Ölpreis den Transaktionen der Spekulanten zwar nicht immer direkt, aber in der Tendenz durchaus folgt. Den Anteil der spekulativen Risikoprämie am momentanen Ölpreis beziffert Franz auf mindestens 6 Dollar pro Fass.

Schlechte Nachricht für die Verbraucher: Derzeit zeichnet sich nicht ab, dass dieser Aufschlag sinkt. Die Vorräte in den Öllagern der Industrienationen sind unbefriedigend, die Turbulenzen um den russischen Konzern Yukos nicht ausgestanden, und die Gefahr von terroristischen Anschlägen auf Ölpipelines ist nicht gebannt. Dies alles nährt die Spekulation – und zwar auf weiter steigende Preise. Bleibt nur eines: Wer seine Ölrechnung nicht in die Höhe treiben will, muss weniger verbrauchen.