Am 5. März des Jahres 1821 überquert der griechischstämmige Generalmajor der russischen Armee Alexandros Ypsilantis mit einem Haufen wilder Gesellen den Pruth in Richtung Südwesten. Der Fluss, der kurz vor dem Schwarzen Meer in die Donau mündet, markiert die Grenze zwischen dem Russischen und dem Osmanischen Reich. Das Ziel der Truppe: Freiheit für die Griechen, die seit Jahrhunderten unter dem Halbmond leben. Ypsilantis, Adjutant des Zaren, ist der Führer der so genannten Gesellschaft der Freunde, Philiki Hetairea, eines freimaurerisch inspirierten Geheimbundes. Mit Eisen und Blut wollen sie ihr Ziel erreichen.

Ypsilantis’ Plan ist irrwitzig und kühl kalkuliert zugleich. Ein neues freies Griechenland – in den folgenden Jahren wird diese Idee noch ganz Europa zum Träumen bringen, ja in Begeisterung versetzen. Doch zunächst setzt Ypsilantis nur auf die Russen. Sie würden, das ist seine Hoffnung, die Gelegenheit nutzen, um den alten Gegner am Bosporus weiter zu schwächen. Und neben den Griechen sollen sich auch die Rumänen an der Donau, die in autonomen Fürstentümern unter osmanischer Herrschaft stehen, dem Befreiungskrieg anschließen…

Nichts davon wird wahr. Die Russen kommen nicht, und die Rumänen erheben sich nicht. Und so geschwächt das Osmanische Reich auch ist – der lose Haufen griechischer Idealisten macht seinem Militär keine große Sorge. Im Juni werden sie südlich der Karpaten, im walachischen Dragasani, geschlagen; Ypsilantis flüchtet sich über die Grenze nach Österreich. Dort sperrt man ihn zunächst ein, erst auf russisches Drängen hin darf er das Gefängnis wieder verlassen. In Wien stirbt er 1828, auf dem Friedhof St. Marx im 3. Bezirk wird er begraben. Zwei Jahre später ist Griechenland frei.

Die Kapitänstochter rüstet ihre eigene Flotte aus

Mit Ypsilantis’ verwegener Expedition war die Idee manifest geworden. Auch im griechischen Kernland hatte es zu brodeln begonnen. Auf dem Peloponnes waren die Chancen größer als an der Donau, die Philiki Hetairea hatte hier viele Sympathisanten. Allerorten rotteten sich kleine Gruppen Aufständischer zusammen.

Doch wie groß war der Leidensdruck unter der osmanischen Herrschaft wirklich? Die Politik des Sultans wechselte zwischen türkisch-islamischer Leitkultur und einer Art geduldetem Multikulturalismus. Ausdruck des Letzteren waren die so genannten millets, in denen die Reichsbevölkerung nach religiösem Bekenntnis aufgeteilt war. Die millets – zunächst gab es das islamische, das griechisch-orthodoxe, das armenische, das jüdische und das katholische millet – standen unter der Leitung ihres jeweiligen religiösen Oberhaupts. Die Griechen hatten bei den Orthodoxen stets das Sagen, obwohl auch Bulgaren, Rumänen und Serben Teil des orthodoxen millet waren.

Auch in den autonomen Donaufürstentümern Moldau und Walachei standen Griechen an der Spitze – ein weiterer Grund, warum Ypsilantis von hier aus den Aufstand gewagt hatte. Die Angehörigen dieser feudalen Elite, Phanarioten genannt, schienen dazu prädestiniert, die nationale Sache zu der ihren zu machen. Doch profitierten sie so sehr von den Privilegien, die ihnen der osmanische Staat gewährte, dass ihr Feuer für die griechische Freiheit nur müde flackerte.

Mehr patriotische Kraft versprach da schon die Kaufmannschaft. Groß und vermögend geworden durch den Seehandel in der Ägäis und im gesamten Reich, verkörperte sie Modernität und Leistungskraft. Sie blickte nach Westeuropa, dachte in liberalen Kategorien, stieß sich an den Feudalstrukturen der osmanischen Herrschaft. Nicht alle Kaufleute freilich waren bereit, ihren Reichtum für ein vages politisches Ziel aufs Spiel zu setzen. Ähnlich hin- und hergerissen war die griechisch-orthodoxe Geistlichkeit. Das Oberhaupt, der Ökumenische Patriarch in Istanbul, besaß unter den Osmanen eine mächtigere Stellung als einst im oströmischen, im byzantinischen Reich. Das osmanische System garantierte der orthodoxen Kirche Autonomie, sofern sie für die Staatstreue ihrer Schäflein sorgte. So hatte noch 1798 der Patriarch von Jerusalem verkündet, Gott habe das Osmanische Reich "höher" errichtet "als irgendein anderes Königreich".