Merkwürdigen Wesen begegnen die Gäste neuerdings vermehrt in Hotelhallen und Cocktailbars. Sie blicken starr in die Welt, ihre großen Gesichter erinnern ein wenig an Marsmännchen. Es sind Figuren aus Holz, die man Tikis nennt.

Tikis sind stilisierte Darstellungen von Menschen und Göttern, die aus der Südsee stammen. Sie sind im gesamten pazifischen Raum verbreitet, und Kenner sehen auf den ersten Blick, ob eine Figur von der Osterinsel, von den Marquesas oder aus Hawaii kommt. Mal sind die Formen runder, mal kantiger. Mal dominiert die Nase, mal der Mund. Ihre Vorbilder sind unter anderem die gigantischen Steinschädel der Osterinsel, die Moai heißen, und die kleinen Jadeschnitzereien der Maori, sie werden Hei Tiki genannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hielten die exotischen Gestalten Einzug in den US-amerikanischen Alltag und wurden zum Wahrzeichen einer ausufernden Cocktailkultur, die jetzt auch in Deutschland eine Renaissance erfährt.

Bars und Restaurants mit Südsee-Flair gibt es in Großstädten zwar bereits seit längerem; doch jetzt wurde die Begeisterung für die Tiki-Kultur erst richtig entfacht.

Allein in Berlin öffneten in diesem Jahr zwei Tiki-Bars. Das Tiki Heart in der Wiener Straße in Berlin-Kreuzberg ist dem Rock ’n’ Roll verpflichtet und erinnert an eine einfache Strandbar in Florida. Ganz anders der Tiki Tabou Room am Berliner Maybachufer: Dort ist jeder Quadratzentimeter Tiki. Die traditionellen Fasertapeten kommen aus Hawaii. Für die raumhohen Figuren wurde eigens ein Holzbildhauer aus Amerika eingeflogen.

Auch in der Mode werden Tiki-Motive verstärkt bestaunt. Vielleicht lag es am verregneten Frühsommer, dass den Menschen hierzulande entgangen ist, wie viel Exotik sich in ihrer Umgebung eingenistet hat. Oder ihnen fehlten bislang die Worte. Schließlich hat sich die Bezeichnung Tiki erst vor wenigen Jahren als Sammelbegriff durchgesetzt.

Bei C&A haben es die knorrigen Kerle diesen Sommer zwar nur in die Teenagerabteilung geschafft. Bei H&M sind sie dafür auf Herren-T-Shirts zu sehen, und auf Damen- und Herrenshorts gedeihen üppige Hibiskusblüten. Die farbenprächtigen Gewächse aus Fernost werden auch Hawaiiblumen genannt; die gelbe Variante ist die offizielle Blüte des US-Bundesstaats Hawaii. Im Reich von Tiki hat sie neben Orchideen und Gardenien schon lange einen festen Platz. Inzwischen ist das Gewächs auch in Deutschland heimisch – es blüht auf Rucksäcken, Sandalen, Badeshorts, Bikinis und Handyschalen.

In den USA waren Tikis einst so verbreitet wie in Deutschland Gartenzwerge. In allen Größen und Formen, als Salzstreuer oder gigantische Freiluftskulpturen bevölkerten sie den amerikanischen Alltag. Bars, Restaurants und ganze Motelanlagen wurden im Tiki-Stil erschaffen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sehnten sich die Menschen nach einer Welt der Exotik; heute ist die Generation der Nach-68er unbefangen genug, sie neu für sich zu entdecken. In den Sechzigern und Siebzigern galt sie als kitschig, wenn nicht reaktionär. Verglichen mit der sexuellen Revolution, LSD und Marihuana, wirkten die Hularöckchen und Rum-Cocktails der Elterngeneration weltfremd und kindlich.

Die Urväter des Trends heißen Victor Bergeron und Ernest Beaumont-Gantt. Besser bekannt sind sie als Erfinder der Bar- und Restaurantketten Trader Vic’s und Don the Beachcomber. Beide waren begnadete Barkeeper und schufen eine Reihe legendärer Cocktails mit Namen wie Mai Tai, Zombie, Missionary’s Downfall und Samoan Fogcutter. Leider können nur wenige Bars die scheinbar so einfachen Drinks korrekt zubereiten. Die Folge sind normalerweise pappsüße Mixturen, die mit dem Original höchstens noch den Namen gemein haben.