Die Wespe meinte es ernst. Die Attacke kam entschlossen, pfeilschnell und mit jenem unheilverkündend hellen Sirren, das Fachleute als "Stechton" bezeichnen. Ich trat in würdeloser Hast den Rückzug an. Schon wieder! Mein Schuppen samt Umgebung, genauer gesagt, mein ganzer winziger Garten geriet zunehmend unter die Kontrolle enthemmter Hautflügler. Eine unangenehme Premiere: Bis dahin hatte ich mit jedem Wespenvolk in friedlicher Koexistenz gelebt, und das gern: Wespen sind ideale Schädlingsbekämpfer. Sie ziehen ihre Brut mit Proteinen auf und vertilgen dabei mehr lästige Insekten als ein Meisenpaar. Im August jedoch wendet sich regelmäßig das Blatt: Alle Arbeiterinnen sind geschlüpft und im Einsatz, die Völker, die jetzt Königinnen und Männchen fürs nächste Jahr füttern, so kopfstark wie nie. Die ständig schuftenden geflügelten Proletariermassen brauchen nun reichlich Treibstoff, Kohlenhydrate und Zucker. Statt zu Pflanzensaft tendiert die moderne Urbanwespe eher zum klebrigen Softdrink. Unübersehbar: Sie wird jetzt in Schwärmen sozial auffällig, sind doch ihre Outdoor-Aktivitäten zur selben Zeit auf dem Höhepunkt angelangt wie die ihrer futterneidischen und reizbaren menschlichen Versorger. Den Gipfel erreichen die wechselseitigen Feindseligkeiten gewöhnlich in der Pflaumenkuchensaison.

Die gefährlichsten Konflikte ereignen sich in Nestnähe, obwohl sie da oft vermeidbar wären. Der Knigge ist simpel: keine Erschütterungen, kein Versperren der Einflugschneise – und bloß keine langen Aufenthalte unmittelbar vor dem Nest! Wespen registrieren Atemluft und nehmen CO2 und Wärme als Signal für den unmittelbar bevorstehenden GAU: Großer Fressfeind dicht am Nachwuchs! Entsprechend reagieren sie.

Die klassischen Kampfhandlungen im Straßencafé jedoch entstehen eher aus einer Kette von Irrtümern. Die einfache Arbeitswespe ist nur zu oft ein tragisch missverstandenes Individuum, und das Szenario ist bekannt: Wespe umkreist aufgeregt Mensch und/oder Futterquelle, Mensch fühlt sich sofort von geflügelter Bestie bedroht. Zu Unrecht: Das so typische Schwirren bedeutet keine böse Absicht, sondern ist der Versuch der schlecht sehenden Tiere, ihre Optik auf das unbekannte Objekt scharf zu stellen. Angriffsflüge sehen unverkennbar anders aus, gerade und zielstrebig. Reagiert der Mensch aber schon auf Erkundungsverhalten mit zornigem Erstschlag, fühlt sich das Tier seinerseits jäh überfallen, und das Unheil nimmt seinen Lauf: Die Wespe scheidet Alarm-Pheromone aus, Botenstoffe, die sofort verteidigungsbereite Artgenossen zu Hilfe rufen. Folgt der Showdown, schmerzlich für die einen und tödlich für die anderen. Da hilft nur Coolness: Wer die Contenance bewahrt, wird normalerweise nur belästigt, nicht gestochen. Schon das ist entnervend genug, und zur Deeskalation auf Nahrungsaufnahme im Freien zu verzichten nützt leider auch nicht immer. Wespen fliegen auch auf bunte Muster und süße Parfums. Einige Körperpflegemittel enthalten sogar Chemikalien, deren Geruch dem der olfaktorischen Angriffssignale ähnelt. Fatal attraction: Wie den Menschen sonst der bloße Anblick des ahnungslosen Insekts, so versetzt in diesem Fall das Insekt schon der bloße Geruch des ahnungslosen Menschen in äußerst gereizte Grundstimmung.

Beteiligt an diesem alljährlichen Sommertheater sind nur drei der vielen heimischen Wespenarten. Die kleine, friedliche Sächsische Wespe interessiert sich dabei ausschließlich für reifes Obst. Doch ausgerechnet sie wird am meisten verfolgt, weil doch der Anblick ihrer großen, frei hängenden Nester regelmäßig Entsetzen auslöst. Doch es ist die größere, rabiate Verwandtschaft, Deutsche Wespe, Paravespula germanica, und Gemeine Wespe, Paravespula vulgaris , die in unzähligen Schlachten am kalten Buffet den Ruf der Gattung dauerhaft ruiniert hat. Ihre Arbeiterinnen, oft mehrere tausend pro Volk, finden Süßes unwiderstehlich und nutzen überdies jede Proteinquelle, um den zahlreichen Nachwuchs zu versorgen. Nichts, von der toten Maus übers Wurstbrot bis hin zur Grillparty, entgeht ihrer steten Aufmerksamkeit. Damit nicht genug: Beide Arten reagieren verhältnismäßig schnell aggressiv, vor allem bei schwülem Wetter. Die Gemeine Wespe kann da ausgesprochen gemein werden, und meine Grundstücksbesetzer wurden es. Den Garten zu meiden, bis der erste Frost sie töten würde, war keine echte Option, Do-it-yourself-Experimente, um sie zu vergrämen, wagte ich nicht, ist doch der Darwin-Award für spektakuläre Selbstentleibung keine besonders erstrebenswerte Trophäe. Selbst der Fachmann, der im Vorjahr meinen Kirschbaum direkt über einem Nistkasten samt lebhaftem Wespenvolk ohne Komplikationen geschnitten hatte, war nach dem Erstkontakt mit diesen ungewöhnlich militanten Viechern ziemlich blass um die Nase. So warfen wir jeden Ökopazifismus über Bord und schritten zur chemischen Notwehr. Fürs nächste Jahr hoffe ich nun auf das Einzige, das mir je eine wespenfreie Saison beschert hat: auf ein Hornissennest. Vespa crabro nämlich ist ein ideales Gartentier, friedfertig, faszinierend und an Menschenfutter völlig desinteressiert. Stattdessen haben diese effizienten Jäger eine überaus erfreuliche Lieblingsbeute: Wespen.