Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Endlos ist die Diskussion über die Frage, ob die Vorstandsgehälter börsennotierter Unternehmen angemessen sind und ob sie individuell offen gelegt werden sollten. Jeder darf mitmachen: Bild und Gewerkschafter wettern in seltener Einmütigkeit gegen - was sonst? - raffgierige Manager. Bundespräsident Horst Köhler erwartet, dass die Firmenchefs "Maß und Mitte" an den Tag legen. Nikolaus von Bomhard, Chef der Münchener Rück, eines der größten und einflussreichsten Unternehmen der Republik, will hingegen laut Süddeutscher Zeitung die Höhe der Vorstandsgehälter "niemals freiwillig" nennen. Das hat fast schon die theatralische Qualität des Waffennarrs Charlton Heston, der mit den Worten "from my dead cold hands" klar machte, dass er sein Gewehr sein Leben lang nicht hergeben werde.

Es wird erbittert gerungen in diesen Tagen, um Besitzstände und die Meinungshoheit. So erbittert und so laut, dass die nächstliegende Frage - wenn überhaupt - nur leise gestellt wird und unterzugehen droht: Wie halten es eigentlich die Aktionäre? Sie sind die Eigner der Unternehmen. Sie, nicht die Politiker, Manager und Kommentatoren, haben einen Anspruch auf Offenlegung der Gehälter. Sie sollten ihre Stimme erheben.

Sicher, da sind Aktionärsvertreter wie die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) und die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) - ihre Wortgewalt und Präsenz in den Medien steht aber meist in keinem Verhältnis zur geringen Zahl der Aktionäre, für die sie sprechen. Die zuletzt durchaus kritischen Vertreter der großen Investmentfonds verfügen über kein explizites Mandat ihrer Anleger - diese investieren ja gerade nicht direkt in Aktien. Und die Kleinaktionäre? Die Mehrzahl der privaten Aktienbesitzer zerreißt die Einladung zur Hauptversammlung schon am Briefkasten - und verzichtet damit auf ihr wertvolles Stimmrecht. Das Ergebnis sind Versammlungen, deren Abstimmungsergebnisse in ihrer Eindeutigkeit selbst Erich Honecker erfreut hätten.

Es ist ein Zustand, den man der Faulheit und Verantwortungslosigkeit der Aktionäre zuschreiben und voreilig abhaken könnte. Warum diesen Zustand aber nicht ändern? Drei Schritte reichten aus.

Erstens sollten die Konzerne, zuvorderst die im Dax notierten Firmen, die Gehälter aller Vorstände individuell offen legen und nach Bestandteilen aufschlüsseln. Freiwillig. Derzeit geben nur neun von 30 Dax-Unternehmen diese Informationen preis. Sollten es bis 2005 nicht deutlich mehr werden, will Bundesjustizministerin Brigitte Zypries die Offenlegung per Gesetz erzwingen. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber dringt bereits auf eine Gesetzesinitiative noch in diesem Herbst. Die Manager sollten die knappe Zeit nutzen und zeigen, dass sie doch noch über ein Rest Gespür verfügen. Die hierzulande so mühselig diskutierte Transparenz ist international Standard; die EU fordert sie, und selbst Gerhard Cromme, Aufsichtsratschef von ThyssenKrupp und Kopf der mit solchen Fragen befassten Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex, zeigt sich verärgert über die widerborstigen Managerkollegen.

Wer stets von Leistung spricht, sollte seine eigene Leistung einer šberprüfung zugänglich machen. Jeder Vorstand sollte Rechenschaft ablegen, ob die Entwicklung seines Gehalts in Einklang mit der Performance seines Verantwortungsbereichs steht. Die von Gegnern einer Offenlegung beschworene Nivellierung der Gehälter ist kaum zu erwarten. In den USA sind Aktiengesellschaften zur Transparenz verpflichtet, in Schweden kann jeder Bürger das Einkommen des Nachbarn einsehen - von Gleichmacherlöhnen ist indes in beiden Ländern nichts zu hören. Auch die viel zitierte Neiddebatte dürfte sich als Schimäre erweisen. Nikolaus Schweickart, Chef des Pharmakonzerns Altana, konnte nach Offenlegung der Gehälter in seinem Unternehmen "weder Neid noch Gleichmacherei feststellen". Das ist plausibel: Die meisten deutschen Topmanager verdienen mehrere hunderttausend Euro, vielleicht auch mal einen niedrigen einstelligen Millionenbetrag. Hübsche Summen, doch diese sind immer noch weit entfernt von den hohen zwei- oder dreistelligen Bezügen ausländischer Konzernchefs - diese gelten wie bei Percy Barnevik von ABB oder Richard Grasso von der SEC zu Recht als obszön.

In einem zweiten Schritt sollten Aktionäre wie in Großbritannien auf den Hauptversammlungen ihr Urteil über Höhe, Struktur und Angemessenheit der Bezüge kundtun können. Bei GlaxoSmithKline ist dies möglich - warum nicht bei BASF? In Deutschland darf man als Anteilseigner oft nur über die Dividende oder die Entlastung des Vorstandes als Ganzes abstimmen. Bindend müsste das Votum nicht sein; allein kraft seines Symbolgehalts dürfte es mäßigend wirken. Und die Anteilseigner könnten ihre Ansichten differenziert äußern - die übergreifende Frage nach der Entlastung des Vorstands lässt dafür keinen Raum. Wer die Gehaltsstruktur ablehnt, will nicht zwangsläufig die ganze Strategie des Vorstands niederstimmen. Sind die Einkommen aber nicht angemessen strukturiert, steht ihre Entwicklung - Beispiel DaimlerChrysler - in keinem Verhältnis zur Entwicklung von Aktienkurs, Umsatz oder Rendite, sollten die Aktionäre dies auch kritisieren können. Und erhört werden.