Eben noch standen metallene Kannen Hagebuttentee und mit Einheitsmarmelade verschmierte Teller auf den Tischen. Jetzt liegen dort Zettel und Federtaschen. Ein paar Stühle wurden umgeräumt, die Tafel verschoben, und schon ist aus dem Frühstücksraum des Schullandheims ein Klassenzimmer geworden. Und während ihre Schulkameraden jetzt am Ostseestrand die erste Sandburg bauen oder in Bremen ins nächste Schwimmbad ziehen, machen sich Sergej, Nuray und Darleen daran, aus einzelnen Wörtern – "Schnitzeljagd" "wir" "heute" "eine" "machen" – einen möglichst korrekten Satz zu bilden.

Es gibt Schöneres, als den Ferientag mit zwei Stunden deutscher Grammatik zu beginnen. Doch Klagen sind von den Jungen und Mädchen nicht zu hören. "Ich brauche drei Freiwillige", ruft die Lehrerin, und an jedem Tisch schießt ein Arm in die Höhe. Auch von den Gästen – zwei Wissenschaftlerinnen, ein Kamerateam, ein Journalist –, lassen sich die Schüler wenig beirren. Am Ende der Stunde haben sie dafür gelernt, dass ein Verb der "Chef im Satz" ist.

Nachhilfe im Feriencamp ist in den USA schon seit langem üblich

"Ich warte jetzt darauf, dass der erste Kultusminister eine Sommerschule durchführt, um Migrantenkindern zusätzliche Lernchancen zu geben." Das sagte Jürgen Baumert, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB) und wissenschaftlicher Vater der Pisa-Studie in Deutschland vor vier Jahren. In kaum einem anderen Industrieland hatten Schüler mit ausländischen Eltern so katastrophal abgeschnitten wie hierzulande. Rund die Hälfte der 15-Jährigen aus Migrantenfamilien schaffte es gerade einmal, simpelste Texte zu verstehen – einigen gelang nicht einmal dies.

Nun macht ausgerechnet Bremen, das Schlusslicht in allen Leistungsstudien, den Anfang. Es hat Kinder aus Problemstadtteilen während der großen Ferien in drei Schullandheime eingeladen, zum Deutschlernen und Theaterspielen, zu Sportolympiaden und Lesereisen. Finanziert wird das von der Jacobs-Stiftung und wissenschaftlich begleitet von Baumerts Institut.

In den USA gibt es solche summercamps seit vielen Jahren. Einige Bundesstaaten haben den Nachhilfeunterricht im Ferienlager für lernschwache Schüler sogar zur Pflicht gemacht. In Deutschland existieren ähnliche Angebote bislang nur für besonders Begabte; für sozial schwächere Schüler ist das Bremer Sommercamp eine pädagogische Premiere. Dabei hätten gerade diese den Zusatzunterricht besonders nötig.

Bereits vor mehr als 40 Jahren haben US-Wissenschaftler festgestellt, dass sich die Leistungsunterschiede von Schülern je nach Herkunft in jener Zeit besonders dramatisch auseinander entwickeln, wenn kein Unterricht stattfindet: in den Sommerferien. Während Schüler aus schwierigen Verhältnissen in der Freizeit viel von dem Gelernten wieder vergessen – vor allem im Lesen –, lernen ihre gut situierten Mitschüler durch Gespräche mit den Eltern und Ferienlektüre gar noch dazu. Bei Migranten, die während der Ferien über Wochen nur ihre Muttersprache hören, verlief der so genannte summer setback, der saisonale Leistungsabfall, noch steiler.