Die Tundra- und Steppenlandschaften im Westen Alaskas mögen atemberaubend sein. Doch wer nicht nur für ein paar Sommerwochen zum Fischen oder Wandern hierher fliegt, sondern länger bleibt, für den wird das Leben schnell karg. Aniak ist eine ungeordnete Sammlung von Holzhäusern, zwischen denen Fässer und Benzinkanister und Baumaschinen herumstehen. Die Landepiste des Flughafens ist hier die Lebensader. Straßen gibt es nicht, Flussfahrten sind Tagestouren, und im Winter kommt man mit dem Schlitten oder Snowbob gerade mal in den benachbarten Ort Bethel, wo sie sogar ein paar Ärzte haben. Zwischendurch gibt es immer wieder Zeiten, in denen man völlig festsitzt und vor lauter Schnee auch kein Flugzeug starten kann. "Den Leuten hier ist ihre Freiheit viele, viele Opfer wert", sagt Paul, der Psychologe des Dorfes. Leute wie er werden von der Regierung Alaskas königlich bezahlt, um für ein paar Jahre an entlegene Orte wie Aniak zu ziehen. Die Dunkelheit, die Einsamkeit, der Lagerkoller ist hier Grund vieler Depressionen und geschiedener Ehen.

Orte wie Aniak spielen eine große Rolle in der Folklore der USA, im Traum vom Einsiedlerleben an der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis. Leute wie Mark, die alles hinter sich lassen wollen, zieht es seit je in die entlegenen Winkel von Alaska. Eine Gegend, in der niemand Auskunft geben muss, wenn er nicht will. Weshalb sich auch flüchtige Kriminelle, die in anderen Bundesstaaten gesucht werden, oft für dieses Exil am Rand des Eises entscheiden. Oder flüchtige Familienväter, die sich vor den Unterhaltszahlungen drücken. Sie leben in Einsiedlerhütten auf dem Berg oder in einem der winzigen Dörfchen mit 20, 30, 50 Einwohnern, wie es sie hier ringsherum gibt. In Alaska, heißt es, kann ein Mann sich noch ein Haus zusammenzimmern, ein Gewehr kaufen, und man wird ihn in Ruhe lassen.

Damals, nach den Terroranschlägen vom 11. September, dauerte es nur ein paar Tage, bis die Welt den Drahtziehern in die Augen schauen konnte. Fotos und Videomitschnitte der Attentäter machten die Runde, von Mohammed Atta zum Beispiel, wie er in Florida Geld aus einem Bankautomaten zog. Die Hijacker waren am Check-in-Schalter in Portland zu sehen, beim Bezahlen an einer Tankstelle, beim Betreten eines Motels. Alles aufgezeichnet von Überwachungskameras. Binnen weniger Stunden und Tage hatten Agenten der Bundespolizei FBI umfangreiche Dossiers über die Attentäter zusammengestellt. Listen ihrer Geldüberweisungen, ihrer Flugreisen in vergangenen Jahren, Telefonanrufe, E-Mails, Einkäufe. Sogar ihrer Nachrichten vom 10. September 2001: "Das Spiel beginnt", und: "Morgen ist die Stunde null." Viel davon ließ sich einfach mit Hilfe von Mausklicks beschaffen, ohne dass ein Agent vom Schreibtisch aufstehen musste. Nur leider, all die Erkenntnisse kamen zu spät.

Für die Bush-Administration, allen voran der raubeinige Generalstaatsanwalt John Ashcroft, war die Antwort klar: Die Gesetzeshüter hatten immer noch zu wenige Befugnisse. 45 Tage nach den Anschlägen hatte Ashcroft im Kongress eine Reihe neuer Gesetze durchgepeitscht, das wichtigste der so genannte Patriot Act. Er enthielt eine lange Wunschliste der Geheimdienste und Polizeitbehörden, von zusätzlichen Abhörrechten bis hin zu unangemeldeten Hausdurchsuchungen, vom einfacheren Abfangen privater E-Mail-Kommunikation bis zur Nutzung privater, kommerzieller Datenbanken für staatliche Zwecke. Wünsche, die der Kongress in den Jahren zuvor immer wieder abgelehnt hatte. Doch diesmal stimmten die Abgeordneten mit großer Mehrheit zu. Die Zeiten hatten sich geändert. "Wer friedliebende Leute mit dem Gespenst verlorener Freiheiten erschrecken will, dem sage ich: Ihre Taktiken helfen nur den Terroristen", erklärte Ashcroft.

Ein weiteres Jahr später entstand das Department of Homeland Security, das sich als Ministerium für Heimatsicherheit übersetzen lässt und das die Aufgaben etlicher verstreuter Sicherheitsbehörden unter einem Dach vereint. Der kürzlich eröffnete Anbau des Ministeriums in Washington, das "Operationszentrum", könnte einem Albtraum des Überwachungsskeptikers Bill Brown entnommen sein. Als der zuständige Minister Tom Ridge und Vizepräsident Richard Cheney Anfang Juli zu einem Fototermin luden, um die Einsatzzentrale der Weltöffentlichkeit vorzustellen, standen sie vor flackernden Computerbildschirmen und Wänden voller Monitore mit Live-Übertragungen aus allen Winkeln der USA. Karten, Bilder von Überwachungskameras, Satellitenübertragungen, Daten von "mehr als 35 Agenturen". Darunter der CIA und die Post, die Küstenwache und die Drogenfahndung, das Transportministerium und viele Geheimdienst- und Polizeibehörden. Das Wirtschaftsministerium, dessen FinCen-Netzwerk schon seit Jahren internationale Finanzströme auf der Suche nach Geldwäsche durchforstet. Das Gesundheitsministerium, das eine elektronische Liste aller gemeldeten Arbeitskräfte in den USA führt. Die Einreisebehörde, die heutzutage Ausländern Fingerabdrücke abnimmt. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche laufen deren Spähergebnisse durch Datenleitungen quer durch Amerika, bis nach Washington. "In Sachen Datenschutz sind die USA der Wilde Westen", sagt Barry Steinhardt, ein Datenschutzexperte der Bürgerrechtsgruppe American Civil Liberties Union.