Wie hatte Orwell geschrieben? "Es war gefährlich, an öffentlichen Plätzen seine Gedanken wandern zu lassen", sinnierte sein Protagonist Winston Smith in 1984, "Kleinigkeiten konnten verraten. Ein nervöser Tick, ein unbewusster ängstlicher Blick – alles Anhaltspunkte dafür, man habe etwas zu verbergen."

"Wenige Leute haben begriffen, dass eine Überwachung à la Orwells Big Brother längst nicht mehr auf die Welt der Bücher und Filme beschränkt ist", sagt Barry Steinhardt, der Datenschutzexperte der Bürgerrechtsgruppe American Civil Liberties Union. Überwachungsgeräte wie Kameras und Mikrofone sind über die Jahre so preiswert geworden, dass 66 Prozent der Staatspolizeibehörden sie routinemäßig einsetzen. Doch einen Unterschied gibt es zu Orwells Ozeania: Die Flut preiswerter Überwachungstechnik hat vor allem im Privatsektor fruchtbare Anwendungen gefunden. Die Betreiber von Warenhäusern, Schulen, Sportstätten und Sozialwohnungen setzen Überwachungskameras heute routinemäßig ein. Hat sich Orwells Großer Bruder in eine Flut kleiner, privatwirtschaftlicher Brüder verwandelt? "Ein wesentlicher Faktor, der den Trend zur Überwachung vorantreibt, ist die wirtschaftliche Nutzung", sagt Barry Steinhardt.

Braintree, Massachusetts. Im Stop & Shop-Supermarkt kann man für 2,50 Dollar eine Familientube Zahnpasta der Marke Crest Whitening kaufen. Man muss aber etwas dafür tun. Normalerweise kostet die Tube 3,29 Dollar, fast ein Drittel mehr, aber alle Inhaber einer Kundenkarte können das Sonderangebot nutzen. Der Weg führt also zum Stop & Shop Card Sign Up Center, wo eine lustlose Angestellte ein Formular herüberschiebt. Name. Wohnort. Telefon. "Ich brauche dann noch einen amtlichen Lichtbildausweis, aus dem Ihre Adresse hervorgeht", sagt sie.

Für Katherine Albrecht sind solche Geschäftspraktiken das Böse schlechthin. "Ich hasse diese Karten", sagt die junge Frau, die im Norden von Boston lebt und gerade eine Doktorarbeit in "Verbrauchererziehung" am Massachusetts Institute of Technology schreibt. In den vergangenen Jahren hat sie sich als Aktivistin gegen "Einzelhandels-Überwachung" einen Namen gemacht, wie sie es nennt. "Die meisten Leute haben keine Ahnung, in welchem Umfang sie beim Einkaufen ausgeschnüffelt werden", sagt sie. Sie führt es gern vor. Besonders gut geht das im Stop & Shop, der größten Supermarktkette in Neuengland, die am Rand von Braintree eine Art Modell-Laden mit ihren neuesten Einkaufstechnologien betreibt.

Man merkt das gleich. "Willkommen" zeigt der kleine Bildschirm am Rand des Einkaufswagens an. Er erwartet jetzt, dass man seine Kundenkarte durch das Lesegerät zieht. Ein Foto des Ladenmanagers erscheint und wünscht viel Spaß, und das tun auch die Poster, die von der Decke hängen. "Sparen Sie Zeit! Sparen Sie Geld! Haben Sie Spaß!" Spaßmacher vom Dienst ist hier der so genannte shopping buddy, der kleine Bildschirm am Einkaufswagen. Stop & Shop will seinen Kunden mit Computerhilfe zur Seite stehen – und nebenbei viel über seine Kundschaft in Erfahrung bringen.

Wo man hier Saft finden kann? Man tippt "Saft" in den den shopping buddy, der zeigt eine Karte des Ladens an, und man fährt hin. Entlang der Regale erfährt man auf dem Bildschirm von Sonderangeboten, denn Kameras und Infrarotsensoren ermitteln ständig den Aufenthaltsort. Der eingebaute Scanner weiß jederzeit, welche Produkte sich im Wagen befinden. "Früher gab es Sonderangebote einfach so", sagt Katherine Albrecht, "welchen zusätzlichen Komfort soll das bieten?" Vom Ladenmanager Vincent Sciaraffa will sie lieber wissen, wofür die ganzen Daten gebraucht werden. Warum muss man seinen Ausweis zeigen, seinen Wohnort preisgeben, bevor man billig shoppen darf? "Das System erfordert es!", sagt Sciaraffa, weiß sichtlich keine bessere Antwort und deutet auf die Infrarotsensoren in der Decke. Auf das System. "In der Welt der Computer", sagt er, "sind solche Daten viel, viel wert."