Sein Name ist bisher nur Insidern bekannt: Carl Hagemann gehörte zu den bedeutendsten privaten Förderern und Sammlern des deutschen Expressionismus. Er war ein wohlhabender Mann, Chemiker von Beruf, viele Jahre im Vorstand der I. G. Farben - und abseits von Formeln und Patenten ein Liebhaber der Kunst und der Künstler, allen voran von Ernst Ludwig Kirchner und Ernst Wilhelm Nay. 1867 wurde er in Essen geboren, sein Leben endete tragisch, eine Straßenbahn überfuhr ihn 1940 vor dem Frankfurter Hauptbahnhof.

Zwei Anlässe rücken den Sammler nun ins öffentliche Bewusstsein: Der Hatje Cantz Verlag hat gerade auf fast tausend Seiten die Korrespondenz des Mäzens gedruckt und damit vereint, was bei einer Auktion Anfang November bei Hartung & Hartung in München möglicherweise auseinander gerissen wird - darunter 346 teils reich illustrierte Briefe von Ernst Ludwig Kirchner und seiner Frau Erna, 57 von Karl Schmidt-Rottluff und 37 von Ada und Emil Nolde sowie 231 Schreiben vom Direktor des Folkwang-Museums in Essen, Ernst Gosebruch.

Nur 76 Briefe und Notizen stammen von Hagemann selbst. Was für eine Persönlichkeit er war, lässt sich dank Kirchners Porträt im grünen Anzug erschließen, gemalt zwischen 1928 und 1932 - und auch über die Form und Inhalte der Briefe. Er war wohl ein korrekter Junggeselle aus dem Bildungsbürgertum, großzügig, aber nicht leichtfertig mit seinem Geld und trotz aller anerzogenen Formenstrenge humorvoll.

In den Korrespondenzen lassen sich auch persönliche Schicksale nachverfolgen: Kirchner trieben Kriegsdienst und Krankheit in den Selbstmord. Emil Nolde war persönlich beleidigt, weil Carl Hagemann ihm Arbeiten zum Tausch gegen andere zurückgab, daraufhin notierte er nur noch sehr förmlich die Preise seiner an Hagemann verkauften Bilder. Unter den Notizen findet sich auch eine Liste des Kunstmuseums Essen aus dem Jahr 1915, auf der zehn Nolde-Bilder zu Preisen zwischen 200 und 1200 Mark zu finden sind - dass sie dort auch tatsächlich ausgestellt wurden, lässt sich aber nicht nachweisen.

Vor allem bietet das monumentale Buch der Briefe über die persönlichen Mitteilungen und Freundlichkeitsbezeugungen hinaus ein Panorama der Zeitgeschichte und eine noch zu erschließende Quelle für Kunsthistoriker. Die Zeitspanne reicht vom ausgehenden Kaiserreich bis hin zum Nationalsozialismus, dessen Gefährlichkeit von vielen unterschätzt wurde oder an den man sich einfach anpasste. Erst als der Folkwang-Direktor Gosebruch 1933 sein Haus verlassen musste, riet er Hagemann aus der Berliner Distanz, seine rund 1800 Kunstwerke umfassende Sammlung besser nicht Essen zu stiften, weil er befürchtete, dass die Werke dort als entartet beschlagnahmt werden könnten. Also überließ sie der Sammler testamentarisch zu gleichen Teilen seinen drei Geschwistern. Vieles ist in deren Häusern während des Krieges den Bomben zum Opfer gefallen. Versteckt überlebten Teile der Sammlung, später überließen die Erben wunschgemäß den kompletten Bestand von Zeichnungen und Grafiken dem Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt.

Vor der anstehenden Versteigerung mussten die zumeist handschriftlichen Zeitzeugnisse zusammengetragen und transkribiert werden. Hagemanns Großneffe Hans Delfs, ein Diplomphysiker, nahm sich des Nachlasses nach seiner Pensionierung an. Der Plan, die Briefpost an den Sammler kommentiert zu veröffentlichen, kam ihm, als er eine Ausstellung über das Spätwerk Kirchners 1999 in Essen vorbereitete. Dabei traf er Mario-Andreas von Lüttichau, Oberkustos im Museum Folkwang Essen, und Roland Scotti vom Kirchner Museum in Davos, mit denen er die Korrespondenz jetzt gemeinsam herausgibt. An den Verkauf der Briefe, der etwa 500 000 Euro erbringen könnte, war zu der Zeit noch gar nicht gedacht. Sozusagen schlüsselfertig überhändigten die drei Herausgeber dem Hatje Cantz Verlag das Manuskript.

Auch wenn es nun zur Auktion der Schriftstücke kommt, hofft von Lüttichau, dass die Sammlung komplett in eine Hand übergehen möge. Durch die Publikation bleiben die Briefe auf alle Fälle erhalten - als Dokument einer Zeit, die auch im Hinblick auf Restitutionsfälle noch längst nicht ausgeforscht ist.