Geografie mangelhaft?

Was wir glauben: Vom Rest der Welt haben die Amerikaner so viel Ahnung wie hierzulande Zehnjährige. Ob wir auch in Deutschland Kühlschränke haben? Europa ist für Amerikaner ein großer Freizeitpark, den man in sieben Tagen bereisen kann. Die meisten allerdings bleiben lieber gleich zu Hause, denn im Grunde bemitleiden sie jeden, der nicht das Glück hat, in Amerika zu leben.

Wie es wirklich ist: Nur eine Fremdsprache in der Schule ist die Regel. Wichtige Ereignisse im Ausland finden in den Lokalzeitungen praktisch nicht statt – es sei denn, Amerikaner waren beteiligt. Presse-Auswertungen belegen, dass selbst im Nachrichtenmagazin Time gerade eine Hand voll Länder regelmäßig vorkommen, vor allem Großbritannien, Russland und Israel. Immerhin ist der Anteil der Amerikaner mit Reisepass in den vergangenen Jahren stark gestiegen, auf immer noch bescheidene 30 Prozent. Gleichzeitig zieht es so viele US-Studenten ins Ausland wie nie zuvor, 2002 rund 160000. Das entspricht allerdings nur einem guten Prozent aller Studenten. Zum Vergleich: In Deutschland ist der Anteil der Weltenbummler etwa viermal so hoch.

Was das heißt: Vorurteil bestätigt. Doch ist es fair, zu erwarten, dass Amerikaner die Hauptstadt von Dänemark kennen? Die USA sind flächenmäßig größer als die Europäische Union, und welcher Deutsche kann schon die Hauptstadt von Michigan nennen? Immerhin: Der Trend ist positiv, junge Amerikaner interessieren sich fürs Ausland, und sie bleiben länger als sieben Tage.

Wahrheitsgehalt: 80 Prozent.

Land der Dünnbrettbohrer?

Was wir glauben: Die Amerikaner verstehen es, sich dem Rest der Welt als innovative Forscher und Denker zu verkaufen. Doch im Grunde sind sie akademische Leichtgewichte, die auswendig gelerntes Wissen mit Multiple-Choice-Tests abfragen. Der Bachelor-Abschluss ist hoffnungslos verschult und gleichbedeutend mit dem Ende freier universitärer Bildung.

Wie es wirklich ist: Das US-Studium ist in der Tat extrem durchstrukturiert, die reale Studiendauer liegt anders als in Deutschland nur geringfügig über der Regelstudienzeit. Das ist aber kein Indiz für Oberflächlichkeit, im Gegenteil: Manch deutscher Austauschstudent staunt nicht schlecht, wenn er das Wochenpensum amerikanischer Seminare sieht. Ein paar hundert Seiten Lesestoff, dazu ein fünfseitiger Essay, das hört sich nur für deutsche Ohren übertrieben an. Die meisten US-Studenten setzen sich daran, ohne zu murren. Und von wegen stupides Auswendiglernen: Was amerikanische Gastdozenten an deutschen Universitäten vermissen, sind die diskussionsfreudigen Studenten. Übrigens greifen US-Professoren wirklich gern zu Multiple-Choice-Tests, doch die haben selbst unter deutschen Experten keinen schlechten Ruf: Richtig gestaltet, vermitteln sie ein exaktes Bild vom wahren Leistungsstand – weit jenseits reiner Wissensfragen.

Was das heißt: Vorurteil so nicht bestätigt. Ein verschultes Studium bedeutet eine effizientere Ausbildung. Der Versuch allerdings, das mit Oberflächlichkeit gleichzusetzen, entspringt womöglich eher dem Neid auf die Leistungsfähigkeit amerikanischer Hochschulen.

Wahrheitsgehalt: 20 Prozent.

Alkoholverrückte Studenten?

Was wir glauben: Trinken ist in Amerika erst ab 21 erlaubt, aber genau das macht es so interessant. Deshalb trinken die Collegestudenten, was das Zeug hält, veranstalten gefährliche Trinkspiele und ungehemmte Sexpartys. Schließlich mussten sie in ihren prüden Elternhäusern lange genug brav sein.

Wie es wirklich ist: Amerikaner schwören auf Hochschul-Rankings. Auch die "besten Party-Colleges" werden jedes Jahr prämiert; eine zweifelhafte Ehre, doch nicht wenige Studienanfänger richten sich nach der Liste. Mit erschreckenden Folgen: Laut offizieller Schätzung kommen jedes Jahr 1400 alkoholisierte Studenten ums Leben, 500000 landen im Krankenhaus. Die Verbindungen (fraternities) mit ihren kruden Aufnahmeritualen spielen dabei eine unrühmliche Rolle. Ein Hauptvergehen der unter 21-Jährigen ist Dokumentenfälschung, denn wer im Supermarkt ein Bier kaufen will, muss sich ausweisen.

Was das heißt: Vorurteil bestätigt. Doch interessanterweise leidet die akademische Leistung kaum unter den Eskapaden. Experten sprechen von einer "freizeitorientierten Schonhaltung". Soll heißen: Job ist Job und Bier ist Bier.

Wahrheitsgehalt: 100 Prozent.

Arme ohne Chance?

Was wir glauben: Wer zum Beispiel in der Bronx geboren wird, hat Pech gehabt. Denn schon die Geburt entscheidet in Amerika über die Bildung: Der Wohlstand – oder die Armut – einer Gemeinde spiegelt sich direkt in der Qualität ihrer Schulen wider. Die Perspektivlosigkeit führt zu extremer Gewaltbereitschaft an den Highschools, zumal Jugendliche aus der Unterschicht wegen der exorbitanten Studiengebühren praktisch keinen Zugang zu guten Universitäten haben.

Wie es wirklich ist: Die Schulstudie Pisa brachte überraschende Ergebnisse. Die USA stehen zwar nicht gut da, was den Wissensstand sozial schwacher Schüler angeht – aber immer noch besser als Deutschland. Denn nirgendwo in der Welt ist der Leistungsunterschied zwischen den Reichen und Armen so groß wie bei uns, Herkunft ist hier tatsächlich Zukunft. Auch insgesamt wissen amerikanische Schüler etwas mehr als ihre deutschen Kollegen. Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation zeigt zudem: In Sachen Gewaltbereitschaft belegen deutsche und nicht etwa amerikanische Jugendliche einen Spitzenplatz. So trostlos können die Highschools also doch nicht sein. Und dank der "need-blind admission" steht mittellosen Studenten auch der Zugang zu Harvard oder Yale offen: Erst wenn ein Bewerber die Aufnahmeprüfung geschafft hat, wird seine finanzielle Situation begutachtet und mit Hilfe von Stipendien, Darlehen und Campus-Jobs sichergestellt, dass er sich das Studium leisten kann. Das Higher Education Research Institute beklagt allerdings, dass der Anteil sozial schwacher Studienanfänger zurückgegangen ist – wohl auch, weil sie über das Ausmaß der finanziellen Hilfen nicht Bescheid wissen.

Was das heißt: Vorurteil eher nicht bestätigt. Zwar ist Amerikas Bildungssystem alles andere als sozial gerecht, doch es schneidet immer noch besser ab als das deutsche. Lautstarkes Lästern könnte nach hinten losgehen.

Wahrheitsgehalt: 20 Prozent.

Sportler bevorzugt?

Was wir glauben: Die Amerikaner sind sportverrückt. Darum sind die Basketballer und Football-Spieler in der Campus-Hackordnung die größten. Um das Uni-Team aufzubessern, werden im Zweifel die Aufnahmekriterien heruntergeschraubt, und ein Quarterback darf sich Collegestudent nennen, der polygamy von game ableitet und für eine ausgefeilte Spieltaktik hält.

Wie es wirklich ist: An US-Universitäten sind in den vergangenen Jahren vor allem zwei Beträge in die Höhe geschnellt: die Studiengebühren und die Gehälter der Coaches. Es ist ja auch eine Menge Geld im Spiel. Sechs Milliarden Dollar hat CBS für die Basketball-Fernsehrechte gezahlt. Wen wundert also, dass zum Beispiel an der University of North Carolina bei einem Basketball-Spieler durchschnittlich 905 von 1600 möglichen Punkten im Standardtest SAT zur Aufnahme reichen, während sonst 1220 Punkte die Regel sind. Den Sportlern, die meist ein Vollstipendium bekommen, hilft das auf Dauer nicht: Nur ein Drittel der schwarzen Basketballer macht den Abschluss.

Was das heißt: Vorurteil bestätigt. Für die Hochschulen ist es ein lohnendes Geschäft: Ihr Image wird aufpoliert, die Ehemaligen spenden fleißig. Die Sportler bleiben auf der Strecke. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Denn nicht nur bei Sportlern wird ein Auge zugedrückt, sondern auch bei anderen ausgefallenen Talenten wie Violinisten, Tänzern, Tubaspielern. 2003 hat das Oberste Gericht der USA zudem bei gleicher Qualifikation die Bevorzugung von Schwarzen und anderen Minderheiten bei der Zulassung offiziell gebilligt.

Wahrheitsgehalt: 70 Prozent.

Smarte Elite, dumme Masse?

Was wir glauben: Die paar Eliteuniversitäten mit ihren Superklugen ändern nichts daran, dass die Mehrheit der Amerikaner unbedarft durchs Leben geht, sich weder für Politik noch Kunst oder Wissenschaft interessiert und stattdessen den ganzen Tag fernsieht. Gerade deutsche Austauschschüler stöhnen über den beschränkten Horizont ihrer Gastfamilien und Mitschüler.

Wie es wirklich ist: Kein anderes Land hat so viele Nobelpreise gesammelt (bislang fast 300) und zieht so viele ausländische Wissenschaftler an wie die USA. Gleichzeitig wird in kaum einem anderen Land so viel ferngesehen: Fast acht Stunden läuft der Fernseher in einem durchschnittlichen amerikanischen Haushalt, verglichen mit etwa dreieinhalb Stunden in Deutschland. Das National Endowment for the Arts beklagt, dass laut einer Studie aus New York nur etwas mehr als die Hälfte der Amerikaner in den vergangenen zwölf Monaten ein Buch gelesen hat. Interessanterweise entspricht ihr Anteil ziemlich genau der Wahlbeteiligung bei der letzten US-Präsidentschaftswahl (zum Vergleich die Bundestagswahl 2002: knapp 80 Prozent). Trotzdem ist die Masse der Amerikaner keineswegs ungebildet, die Studienanfängerquote eines Jahrgangs erreicht 44 Prozent, während Deutschland unterhalb der angestrebten 40 Prozent liegt.

Was das heißt: Vorurteil teilweise bestätigt. Der Abstand zwischen geistiger Elite und Normalbürgern ist enorm, und, ja, Amerikaner schauen gern fern und gehen nicht gern wählen. Austauschschüler tragen mit ihren Anekdoten dazu bei, dass auch der letzte Deutsche weiß, wie blöd die Amis sind. Aber Vorsicht! Zum einen liegen die deutschen Austauschschüler auch im eigenen Land über dem Leistungsdurchschnitt, zum anderen fehlt ihnen vielleicht genau jenes kulturelle Feingefühl, das sie bei ihren Gastgebern drüben vermisst haben. Denn wie Pisa und andere Statistiken zeigen, auch Normalamerikaner sind nicht dumm. Nur ein bisschen anders.

Wahrheitsgehalt: 50 Prozent.