Vom Wintersemester 2004/2005 an gibt es ein Eignungsfeststellungsverfahren. Dieses achtsilbige Wortungetüm bereitet seit neuestem mögliche Soziologiestudenten auf die ungewohnte Tatsache vor, dass es auch an Massenuniversitäten wie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München und in Massenfächern wie der Soziologie nicht mehr für jeden Abiturienten einen Freifahrsschein ins Studium gibt. Die Soziologen lassen eine Eingangsklausur schreiben, die Anglisten verlangen einen "avancierten Sprachtest". Mit den Prüfungen ziehen die Geisteswissenschaftler die Notbremse gegen inflationäre Abbrecherquoten von bis zu 65 Prozent.

Die guten Universitäten der Welt, ob Stanford oder Harvard in den USA, Oxford oder Cambridge in England oder die französischen Hautes Ecoles, haben seit eh und je die Auswahl ihrer Studenten als vornehmstes Recht reklamiert. Bei uns jedoch galt Auslese als Verrat an der Chancengleichheit, als Instrument "unzulässiger Niveaupflege", wie es in Juristenpoesie einmal hieß. Doch irgendetwas müssen die Selektionisten richtig machen, denn ihre Drop-out-Quoten sind gering. Die TU München hat es auch hierzulande vorgemacht: Im Massenfach Informatik ging die Zahl der Abbrecher erheblich zurück, seit die Auswahlverfahren eingeführt wurden. Auch in anderen Studiengängen wie Mathematik oder Chemie hat man mit den Tests gute Erfahrungen gemacht.

Die meist kleinen privaten Hochschulen in Deutschland haben von Anfang an ausgelesen. Gerade unlängst hatte die Bucerius Law School (BLS) in Hamburg wieder zum abschließenden mündlichen Testteil 216 Möchtegern-Juristen nach Hamburg gebeten. Die Bewerber mussten Referate halten, Diskussionen leiten, in Einzelgesprächen zu ihrem Werdegang und ihren Vorstellungen vom Studium Stellung nehmen und in der Gruppe ein Überraschungsthema analysieren und Lösungsvorschläge skizzieren. Nach zwei Tagen konnten die über fünfzig Prüfer 125 Bewerbern eine Aufnahmezusage machen. Indes war die mündliche Prüfung nur die letzte Hürde eines dreistufigen Parcours. An erster Stelle steht die schriftliche Bewerbung (486 Bewerber). Dann folgt der fünfstündige schriftliche Prüfungsteil (418 Teilnehmer), der einen Aufsatz mit einschließt, um die Sprachfähigkeit der angehenden Juristen abzuklopfen. Die Verlustraten an der BLS liegen bis jetzt bei traumhaften fünf Prozent.

Anfang August haben sich an der kantonalen Universität St. Gallen (USG) etwa 800 ausländische Studenten, die meisten von ihnen Deutsche und Österreicher, einem Zulassungstest gestellt, um einen der über hundert Plätze für Nicht-Schweizer zu ergattern. Der Test, der in den Teilbereichen Textanalyse, quantitatives Problemlösen, Sprachsysteme und Diagramminterpretation angesiedelt ist, dauert 190 Minuten und testet Kreativität, Problemlösungsfähigkeiten und Denkvermögen. Bewerber, die knapp über oder unter der geforderten Punktzahl liegen, werden am folgenden Tag zum Interview eingeladen. Etwa ein Drittel aller Studienplätze für Ausländer werden über das Interview vergeben. In den Interviews geht es wie in dem Test nicht um gelernten Stoff, sondern um Motivation, Differenziertheit im Denken und Erfahrungen sowie die Stärken und Schwächen des Kandidaten. St. Gallen hat noch ein Selektionsinstrument: das Assessment-Jahr. Ebenso wie in Oxford müssen sich die Studenten dort nach dem ersten Jahr einer Prüfung stellen, die über ihren Verbleib entscheidet – mit dem Ziel, Vergeudung von Lebenszeit zu vermeiden und Respekt vor dem Studium an der Hochschule zu verbreiten. Gammelei, wie in deutschen Unis fahrlässig lange geübt, ist keine Option.

Es ist ja nicht so, dass die deutschen Hochschulen keinerlei Erfahrungen mit Auslese haben: An Kunst- und Musikhochschulen mussten Bewerber schon immer vorsingen, -spielen, -fiedeln oder eine Mappe vorlegen. Warum also sollen die Geistes- oder Naturwissenschaften nicht ebenso nach der Eignung ihrer Kandidaten suchen? Was in der Musik und der Kunst funktioniert, sollte auch der Soziologie oder der Germanistik möglich sein. Eingangstests erlauben eine andere qualitative Beurteilung als Abiturnoten, die bestenfalls eine Momentaufnahme der Leistung darstellen, aber kaum die Studierfähigkeit vorhersagen können. Auswahltests läuten das Ende der Beliebigkeit ein.