Irgendwann war das Städtchen Ogata reif für etwas Exotisches – für jemanden aus Deutschland. Eine Amerikanerin ist schon da gewesen. Dann eine Engländerin. Schließlich ein Schotte, der schottischen Volkstanz mit den Leuten einübte, was alle sehr unterhaltsam fanden. Aber man kann nicht immer nur an das Vergnügen denken. "Wir wussten nicht viel über Deutschland. Aber man hatte uns gesagt, dass die Deutschen wissen, wie man Städte erhält und wie man sie noch schöner macht. Und dass sie sich mit Umweltschutz auskennen", zählt Hideki Shutou auf. Ehrfürchtig nickt der kräftige kleine Beamte seinen Worten hinterher. Er ist in Ogatas Rathaus für Stadtentwicklung zuständig. Außerdem hatte die Leiterin des Kinderchores schon von dem Musikfestival im bayerischen Cham gehört. Ein Auftritt dort sei keine schlechte Idee, fand sie, und ließ das auch ihren Bruder wissen, den Bürgermeister. So kam Simone Feller zu ihrem Job: Koordinatorin für Internationale Beziehungen in Ogata.

Als die Hamburgerin vor fast zwei Jahren in Ogata ankam, hatte sie bereits reichlich Japan-Erfahrung im Gepäck: ein Studienjahr an der Ritsumeikan-Universität in Kyoto. Ein Praktikum bei der deutschen Botschaft und eine Hospitanz bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Tokyo. Den zweijährigen Ausflug in das japanische Landleben macht das Japanese Exchange and Teaching Programme (Jet) möglich.

Das Städtchen Ogata liegt in der Präfektur Oita, einer bergigen Gegend auf Japans grüner Insel Kyushu. Seitdem mehrere Dörfer zu einer Verwaltungseinheit zusammengefasst wurden, verzeichnet das Register an die 6500 Einwohner. Das Kern-Ogata wirkt allerdings noch immer wie ein Dorf. Neben der Hauptstraße rauscht frisches Bergwasser ins Tal. Brusthohe Räder schaufeln das Nass auf die Gemüsebeete. Häuser mit verschachtelten Holzdächern schmiegen sich an den Hang, davor sprießen Sonnenblumen, Löwenmäulchen und Margeriten. Entlang der Straße bücken sich o-beinige Muttchen auf Feldern, kaum größer als Tennisplätze, und winken. Für ein Schwätzchen mit "Shimone" haben sie immer Zeit. Gelegentlich drücken sie ihr auch einen Bund Radieschen in die Hand. Ob auf der Straße, im Supermarkt oder beim Dorffest, mit ihren blonden Haaren und blauen Augen fällt die 30-Jährige sofort auf. Jeder kennt sie, jeder grüßt sie, und jeder wartet gespannt auf ein paar Sätze in fließendem Japanisch. Kein Problem für Simone. Sie war nur angenehm überrascht über das ländliche Japan: "In Tokyo rannten die Menschen wie gestresste Arbeitsameisen herum. Hier in Ogata sind alle herrlich entspannt." Zum Beispiel ihre Kollegen im Rathaus: Viele kommen im T-Shirt zur Arbeit. In den Pausen erholen sie sich auf dem alten roten Sofa im Hof. Und als der Bürgermeister verkündete: "Wir müssen sparen. Ab sofort putzen wir Büros und Toiletten selbst", hat sich keiner beschwert.

Jet wurde 1987 von der Regierung geschaffen und ist eine Reaktion auf Nippons mangelnde Internationalität: Japan hat eine der niedrigsten Ausländerquoten aller Industriestaaten. Reisen unternehmen vor allem die Großstädter, und der Tourismus im eigenen Land ist nur wenig entwickelt. Noch dazu kann außerhalb der großen Städte kaum jemand Englisch – selbst die junge Angestellte in der Bank von Ogata schüttelt beim Kontakt mit Kunden, die kein Japanisch sprechen, nur verschreckt den Kopf, und verbeugt sich entschuldigend. Das Jet-Programm sollte ursprünglich vor allem den Englischunterricht verbessern, und noch heute arbeitet die Mehrzahl der Teilnehmer als Assistenzlehrer an Schulen.

Außerdem gibt es aber auch die Koordinatoren für Internationale Beziehungen. Ihre konkreten Aufgaben unterscheiden sich von Ort zu Ort: So bekam die deutsche Manon Damaschke in Ogatas Nachbarstädtchen Naoiri die Vorgabe, die langjährige Partnerschaft mit dem deutschen Kurort Bad Krozingen zu betreuen: Sie muss Verhandlungen führen, Briefe übersetzen und Höflichkeitsbesuche organisieren. Auch bei vielen Festen ist sie mit dabei. Einladungen abzulehnen traut sich die 28-Jährige nur selten – noch zu gut hat sie die Worte einer Mitarbeiterin der deutschen Botschaft im Ohr: "Ihr seid Diplomaten auf Grassroot-Level. Wir zählen darauf, dass ihr Deutschland gut vertretet."

Manon, die selber aus einem kleinen Dorf bei Husum stammt, würde für deutsche Kommunen gerne ein ähnliches Programm schaffen. "Auch bei uns könnten Ausländer die Menschen auf dem Land für andere Kulturen sensibilisieren und sie auf neue Ideen bringen", schwärmt sie.

Diese Ansicht teilt auch Simone. Bei ihrer Ankunft in Ogata waren die Vorgaben eher diffus: "Ich musste mir erst einmal überlegen, was ich überhaupt vermitteln möchte." Umweltschutz ist ihr wichtig und das Interesse daran in Japan gerade erst erwacht. Also organisierte sie zwei Reisen zu den Themen "Erneuerbare Energien" und "Grüner Tourismus" nach Berlin, Sachsen und Brandenburg. Auch im Alltag versucht sie, umweltgerechtes Verhalten vorzuleben: zum Beispiel, indem sie die Wegwerfstäbchen liegen lässt, die es in jedem Lokal kostenlos gibt, und überall ihr eigenes Paar aus der Tasche zieht. "Am Anfang wurde ich oft darauf angesprochen. Das war dann immer eine gute Gelegenheit, den Leuten zu erklären, warum ich das mache", erinnert sie sich. Mittlerweile gibt es einige Nachahmer. Das macht sie richtig stolz.

Reden, Erklären, Kommunizieren, das ist der Hauptinhalt ihres Jobs: Simone besucht regelmäßig das Altenheim und den Kindergarten. Sie hält Vorträge über das deutsche Bildungssystem, backt Plätzchen mit den Grundschülern und studiert mit dem Kinderchor Lieder aus der Zauberflöte ein. Sie schreibt monatlich im Amtsblatt über das Leben im fernen Hamburg und tritt in Fernsehen und Radio auf. Hauptthema der Interviews: Simones Sicht auf das Leben in Ogata. Der Blick von außen interessiert die Menschen hier – ein amerikanischer Jet-Veteran kommentiert sogar in einer eigenen wöchentlichen Fernsehsendung die Lokalpolitik der Präfektur.