Sie predigten öffentlich Wasser und tranken heimlich Wein. Dafür muss sich die Europäische Union jetzt von der Welthandelsorganisation WTO schelten lassen. Der Kasus: die EU-Zuckerexporte. Der Vorwurf: Die Union praktiziere Quersubventionierung, weil sie Direkthilfen an ihre Zuckerbauern zahle, die sich natürlich auf deren Exportpreise auswirken. Die Nachricht platzte mitten in die tiefe Zufriedenheit, die sich über alle Gemüter gelegt hatte, nachdem man sich erst vor ein paar Tagen in Genf über die nächste Welthandelsrunde verständigen konnte. Die EU-Kommissare Pascal Lamy (Handel) und Franz Fischler (Agrar) schienen gar nicht amüsiert.

Die Pointe: Solche Quersubventionierung ist auf allen anderen Wirtschaftsfeldern in der EU, etwa bei öffentlichen Dienstleistungen oder bei der Industrieansiedlung, schlicht verboten. Und darüber wacht mit Strafandrohung - genau, just die Europäische Kommission. Doch der ist ob der WTO-Vorwürfe erst einmal der Schreck so in die Glieder gefahren, dass sie sich still in ihre Ecke duckt.

Agrarkommissar Franz Fischler arbeitet seit langem an einer Reform des umstrittenen Zuckerregimes. Zu zaghaft, befinden die Kritiker - zu zügig, finden viele Mitgliedsstaaten aus Rücksicht auf ihre Produzenten (mit Südzucker sitzt der weltgrößte übrigens in Mannheim). Sollte das Brüsseler Schweigen womöglich eine stille Genugtuung übertönen, weil Franz Fischler jetzt endlich muss, was er bislang nicht durfte?