Auf die Frage, was er während seines Studiums an der Kunsthochschule denn gelernt habe, gab ein Absolvent zur Antwort: dass alles irgendwie mit allem zusammenhängt. Der Stuttgarter Künstler Harry Walter, der diese Aussage kolportierte, bezeichnete sie zu Recht als "erkenntnistheoretischen Super-Gau". Doch leider dürfte der Student kein Einzelfall sein. Wie ein Blick auf den Kunstbetrieb schnell offenbart, handeln viele Akteure genau nach dieser Devise und haben damit auch Erfolg. Man denke nur an die zahlreichen Ausstellungen, die unterschiedlichste Kunstwerke unter einem Oberthema zusammenführen und so tun, als könnten die unterstellten Bezüge einen Erkenntnisschub auslösen. In Wirklichkeit hat ein Kurator wie aktuell etwa bei der Ausstellung Zehn Gebote in Dresden nur ziemlich äußerlichen Assoziationen nachgegeben und von vornherein die diskursive Kraft von Bildwerken überschätzt. Klare Ansprüche gegenüber der Kunst scheinen verloren gegangen zu sein, denn sonst würde ein solcher Mangel an inhaltlicher Präzision und intellektueller Disziplin stärker kritisiert.

Aber nicht nur Kuratoren, auch Künstler liefern immer wieder Proben von Zusammenhangs-Surrogaten, die selbst eingefleischten Verschwörungstheoretikern oder gutgläubigen Besuchern einer Esoterikmesse unseriös vorkommen dürften. Ein markantes und monumentales Beispiel hierfür ist zurzeit in der Lokremise in St. Gallen zu sehen, die als Showroom von Hauser& Wirth fungiert – dies immerhin eine der bekanntesten Galerien der Welt. Der US-Amerikaner Jason Rhoades, auch er alles andere als ein No-Name, hat das gesamte Gebäude mit einer Installation gefüllt, die den Titel My Madinah trägt. Wie bei einem Mobile hängen lauter Worte in bunter, beleuchteter Neonschrift von den Decken, was den Räumen eine helle und leichte Atmosphäre verleiht. Auch sonst wirkt die Lokremise auf den ersten Blick durchaus locker-fröhlich: Wie bereits bei früheren Arbeiten hat Rhoades den Boden mit Tüchern, Decken und Kissen bedeckt und zudem mit Wachs beträufelt.

Viele Besucher dürften sich mit dem ästhetischen Erlebnis zufrieden geben und gar nicht weiterforschen, was da für Worte in Neon leuchten, wie das mit dem Titel der Installation zusammenhängt und welche Bedeutung etwa die Wagenräder oder New-Age-Fensterverkleidungen haben. Am auffälligsten sind einige großformatige Bücher, die über die Räume verteilt sind und an Bibeln erinnern. "1724 * Birth of the Cunt" steht auf ihnen, und da-rin finden sich in alphabetischer Reihenfolge jene Wörter, die von den Decken hängen und bei denen es sich um nichts anderes handelt als um 1724 Ausdrücke fürs weibliche Geschlechtsorgan. Der Besucher beginnt zu bangen: Sollte die Zahl 1724 und der Klang von " cunt" auch noch an Immanuel Kant und dessen Geburtsjahr erinnern?

Und tatsächlich: In einem Text, der dem Besucher an der Kasse ausgehändigt wird, lesen wir, dass 1724 auf "die Mitte der glücklicheren Hälfte des Jahrhunderts der Aufklärung verweist, das Geburtsjahr von Immanuel Kant. Er war wohl ein extrem trockener Geist, aber auch einer der hellsten Köpfe dieser Epoche, Denker einer neuen Transzendenz. Den eleganten Mann aus Königsberg feiern die Lichter von Madinah …"

Weil Kant so helle war, gibt es jetzt also eine seinem Geburtsjahr entsprechende Anzahl Neonwörter. Das bibelähnliche Buch wurde zudem in einer Auflage von 172+ 4 Exemplaren verlegt, was Rhoades’ numerologische Fixierung weiter belegt. Und um den Bezug zwischen dem Philosophen und der Pornografie zu bestätigen, hat Rhoades in die Lokremise eine "erleuchtete Krypta" gebaut, in der Ausschnitte aus 25 Emmanuelle- Filmen laufen, die sexuelle Praktiken und Erlebnisse der Titelheldin zeigen. Nicht nur der Nachname Kants, auch sein Vorname soll sich als sprechend erweisen.

Von September an wird Rhoades in der Flick Collection groß gefeiert

Mühsam erzeugte Zahlenanalogien und banal-peinliche Klangassonanzen – auf mehr stützt sich keiner der zahllosen Bezüge, die Rhoades konstruiert. Der Rezipient sieht sich einer Variante von Verfolgungswahn gegenüber, die darin besteht, immer viel mehr Bedeutung zu unterstellen, als sich vernünftigerweise ausfindig machen lässt. Er spekuliert über geheimnisvolle Ur- und Untergründe, in denen angeblich alles zusammenläuft. So ist der Besucher aufgefordert, die Worte "Muschi" und "Moschee" mehrmals laut zu wiederholen. Damit soll der Islam nicht etwa beleidigt werden, sondern im Gegenteil ebenfalls als Ort von Geburt und Ursprung zur Geltung kommen. Auch klärt sich so der Name der Installation, war Madinah als Todesort Mohammeds doch lange die neben Mekka wichtigste Stadt des Islam. In Mekka/Kalifornien würde Rhoades sein Werk im Übrigen gern endgültig errichten, weshalb ein weiterer Appell an die Besucher ergeht. Die sollen sich auf den Boden legen und konzentrieren, damit es zu einem "Stoff-Licht-Austausch" kommt und "im Idealfall" das gesamte Gebäude in die USA transloziert wird.