Der Grauballemann ist eine Moorleiche aus der Jungsteinzeit, 1952 in dem gleichnamigen dänischen Dorf gefunden: ein in Agonie verzerrter, dann gegerbter Korpus, irreal klar in Struktur und Ausdruck. Joseph Beuys war von der Leiche fasziniert. Sogleich schuf er eine Skulptur, spannte Feldlinien aus Eisen, Kupfer, Asphalt und sargte sie ein in ein Holzgestell. Dieses Objekt beschreibt etwas, das Zeit überdauert hat, etwas Ewiges mit Feld-Charakter, ein magnetisches Energiefeld, eine menschliche Kraft in physischer und transzendentaler Hinsicht, sagte Beuys. Die Skulptur strahlt heute im Hessischen Landesmuseum zu Darmstadt, der Herberge des Block Beuys.

Knapp vierzig Jahre später sucht in diesem Museum der Komponist Richard Rijnvos Kühlung von den Theorieseminaren der Darmstädter Ferienkurse. Der 1964 geborene Niederländer durchstreift die mirakulösen sieben Räume, die dem Kunsthohepriester gewidmet sind, und fasst rasch die Idee, sie in einer Folge von Kompositionen nachzubilden. Zwischen 1995 und 2000 schreibt er Block Beuys (hat [now] art 147, Vertrieb: Harmonia Mundi) - vier Ensemblestücke, in denen die Räume genau dargestellt sind. Hört man nun die Kupferplatten, die Filzrollen, die Fettecken? Keineswegs, Musik ist ja kein Ratespiel.

In Raum 1 für Tonband und Ensemble sind die konservierten Klänge ein Abbild der architektonischen Verhältnisse des Raumes - von Boden, Wänden, Decke -, während die schnelleren Instrumentalpartien die fünf darin platzierten Objekte repräsentieren. Raum 2 ist schon etwas voller gestopft, und daher überlagern die rhythmisch prägnanten Instrumental-Aktionen zumeist den zarten Hintergrund. In Raum 3 ist der Schamane Beuys selbst mit Sequenzen aus seinem Vortrag Aktive Neutralität (jeder Mensch ist ein Künstler) zu hören. Mit seiner Stimme dirigiert er gleichsam das Ives Ensemble (das mit zupackender Genauigkeit spielt).

Eine spezifische Kraft durchzieht die Stücke, jenseits der einfachen Parallelen von Proportionen und Dimensionen, und wer auch nur über ein wenig sixième sens verfügt (der allemal nötig ist, um eine Beuyssche Skulptur von einer Sperrmüllecke zu unterscheiden), wird auch bei Rijnvos hinter den halb erstickten Streicherflageoletts, den trocken-pochenden Staccati oder den leuchtenden Akkorden die Anordnung einer aufgeladenen Klangskulptur in der Zeit erkennen: Kraftlinien, die die Element e in ewig bewegten Feldern schwingen lassen - eine urmusikalische Angelegenheit.