Es war bereits dunkel, als sich der Stahlindustrielle Friedrich Flick am 20. Februar 1933 auf den Weg ins Regierungsviertel machte. Reichstagspräsident Hermann Göring hatte die Spitze der deutschen Industrie in seine Dienstwohnung geladen. Der neue Reichskanzler Adolf Hitler wollte sein wirtschaftspolitisches Programm vorstellen. Neben Flick standen Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Georg von Schnitzler (I. G. Farben), die Generaldirektoren Albert Vögler, Fritz Springorum und Ernst Tengelmann auf der Gästeliste, ebenso Vertreter von AEG und Siemens, der Textilindustrie und verschiedenen Großbanken. Jüdische Bankiers waren schon nicht mehr dabei.

Hitler nahm am Kopfende des Tisches im Besprechungszimmer Platz und war sichtbar bemüht, das Image des Bierkeller-Agitators abzulegen, der mit Enteignungsfantasien seine proletarischen Anhänger bedient. Er versprach, privates Eigentum zu schützen, Streiks zu unterbinden und die Grundlagen für eine neue Hochkonjunktur zu schaffen. Die Rede endete mit einem Ausblick auf die Reichstagswahlen vom 5. März: "Wir stehen jetzt vor der letzten Wahl. Sie mag ausfallen, wie sie will, einen Rückfall gibt es nicht mehr, auch wenn die kommende Wahl keine Entscheidung bringt." Allen im Raum, auch Friedrich Flick, war damit klar: Die Demokratie hatte ihr Ende gefunden. Wer in Deutschland künftig erfolgreich wirtschaften wollte, musste sich mit den Nazis arrangieren. Genau das tat Flick – geschickter als viele seiner Konkurrenten.

Zum Zeitpunkt der braunen Machtübernahme war der Siegerländer bereits 49 Jahre alt. Aus bescheidenen Verhältnissen kommend, hatte er durch kluge An- und Verkäufe von Gruben und Stahlwerken einen der größten Metallkonzerne des Landes gezimmert. Politisch war er öffentlich nie in Erscheinung getreten, jedoch Mitglied der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei. Sie konnte mit großzügigen Spenden des Flick-Konzerns rechnen. Nachdem aber die DVP 1931/32 immer stärker an Boden verlor, verteilte der Konzernchef sein Geld nach dem Gießkannenprinzip von rechtsaußen bis Mitte-links. Der Konzern war im Zuge der Weltwirtschaftskrise ins Wanken geraten, und Flick versuchte, sich nach allen Seiten abzusichern. Die NSDAP kam dabei schlecht weg. Flick mochte Hitler und dessen laute Nationalproleten nicht.

Doch wenige Tage nach dem Industriellentreffen in Görings Wohnung gab er seine Zurückhaltung auf. Für den Anfang landeten 240.000 Reichsmark in den Parteikassen. SS-Führer Heinrich Himmler holte das Geld persönlich in Flicks Büro ab. In den kommenden zwölf Jahren spendete Flick insgesamt 7,65 Millionen an die NSDAP. Eine gute Investition: Für den krisengeschüttelten Eisenindustriellen, dessen Unternehmen sich leicht in Rüstungsunternehmen konvertieren ließen, erwies sich der außenpolitische Revanchist Hitler als betriebswirtschaftlicher Glücksfall.

Am Ende besaß er ein Privatvermögen von über zwei Milliarden Reichsmark

Bereits kurz nach der "Machtergreifung" begann das Gerangel der deutschen Rüstungsunternehmen um erste Staatsaufträge. Im April 1933 schickte Flick den Aufsichtsratsvorsitzenden seiner Mitteldeutschen Stahlwerke, Heinrich Koppenberg, zu einer Besprechung ins Reichsluftfahrtministerium. Das Ministerium stellte, noch streng vertraulich, eine Verdreifachung der Flugzeugaufträge in Aussicht. Im Dezember war der Ausbau der Luftwaffe beschlossene Sache. Bei Flick traf die Zusage für den ersten Großauftrag ein: Seine Allgemeine Transportanlagen Gesellschaft (ATG) in Leipzig, seit 1919 erfolgreich im Maschinenbau tätig, könne "mit der Beschaffung der für die Durchführung des Auftrags erforderlichen Investitionen sofort beginnen", so hieß es. Bald arbeiteten 8.500 Menschen in Leipzig in der Flugzeugproduktion. Ab 1938 stellte das Werk zusätzlich Teile für Panzerwagen her, 1942 erhielt es das Prädikat "Rüstungsmusterbetrieb".

Flugzeuge machten den Anfang, Bomben folgten. Der erste Großauftrag des Heerwaffenamtes über Stahlgussbomben, Geschosse für Feldhaubitzen und Granaten lag Flicks Mittelstahlgruppe im März 1934 vor. Auch von der Marine kamen erste Bestellungen. Flick intensivierte derweil seine Besuche im Heereswaffenamt. Am 15. März sprach er beim dortigen Stabschef Georg Thomas vor, der später zum Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes im Oberkommando der Wehrmacht aufstieg. Das Ergebnis dieses Gesprächs hielt Flick in einer Aktennotiz fest: "Interessant war noch eine Bemerkung, die mir Herr Thomas allein gemacht hatte und die dahin ging, dass man zweierlei unterscheiden müsse, nämlich die Vergrößerung des stehenden Heeres und die Vorsorge für die Mobilmachung. Seiner Meinung nach müsse man für 4–5 Monate Vorräte schaffen, weil erst nach 4–5 Monaten nach Eintritt des A-Falls die Fabriken allgemein in die laufende Produktion gekommen sein würden. (Dieser Auffassung habe ich durchaus zugestimmt)." Mit A-Fall war Krieg gemeint. Zur Erinnerung: Die Notiz stammt aus dem Jahr 1934.