Seit vielen Wochen ist im Gaza-Streifen eine Art Rebellion gegen die Herrschaft Jassir Arafats und seiner palästinensischen Zentralverwaltung im Gang. Dabei hat vor allem ein Mann die Hand im Spiel, Mohammed Dahlan. Er ist jung, erst 44 Jahre alt, war früher Geheimdienstchef in Gaza und lange Zeit ein getreuer Gefolgsmann Arafats. Doch im vergangenen Jahr kam es zum Bruch zwischen den beiden. Der Kampf um die Macht in den Palästinensergebieten ist entbrannt.

Der Rückzugsplan aus Gaza stellt nämlich nicht nur an die Israelis, sondern auch an die Palästinenser erhebliche Anforderungen. Letztere würden nach dem Abmarsch der israelischen Soldaten und Siedler die volle Verantwortung für einen zwar kleinen, aber äußerst problembeladenen Landstrich erhalten. 1,3 Millionen Palästinenser drängen sich auf diesem schmalen Streifen von 45 Kilometer Länge und 5 bis höchstens 12 Kilometer Breite. Rund 900000 der Gaza-Bewohner stammen von Flüchtlingsfamilien aus dem Krieg von 1948 ab, etwa die Hälfte dieser Menschen lebt immer noch in Lagern, die unter UN-Aufsicht stehen. Früher arbeiteten viele Palästinenser aus Gaza in Israel; doch heute, da Israel die Grenzen dichtmacht, ist etwa jeder Zweite arbeitslos. Fast ganz Gaza lebt von Spendengeldern und Wohlfahrtsunterstützung. Das gilt ebenso für Zehntausende palästinensische Staatsdiener (überwiegend in den Sicherheitskräften) und für die Angestellten und Unterstützungsempfänger der UN-Wohlfahrts- und Entwicklungsorganisationen. Diese Zahlen reichen, um zu begreifen, dass ein einziger Funke einen Flächenbrand auslösen kann.

Besonders besorgt über die Lage in Gaza zeigen sich die benachbarten Ägypter, denn die blutigen Ereignisse der vergangenen Jahre und die Not der Bevölkerung haben den militanten Muslimorganisationen, vor allem der Hamas, erhebliche Macht verschafft. Die Möglichkeit, dass nach dem israelischen Abzug ein Hamas-Staat entstehen könnte, ist also eine konkrete Gefahr für die Regierung in Kairo. Fanatische Islamisten haben den ehemaligen ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat ermordet und auch versucht, Präsident Mubarak umzubringen. Sie haben sich des ägyptischen Nachbarstaats Sudan bemächtigt und Terrornetzwerke errichtet, die um ein Haar die ägyptische Tourismusindustrie vernichtet hätten. In den weltweiten Al-Qaida-Zellen sitzen etliche Ägypter. Der Gaza-Streifen ist gewissermaßen Ägyptens Hinterhof, und fast alle Hamas-Führer haben ihre Ausbildung in Kairo erhalten. Ein islamistisches Regime in Gaza wäre für Präsident Mubaraks Regierung ein Albtraum.

Aus diesem Grund hat er den ägyptischen Geheimdienstchef Suleiman in den vergangenen Monaten fünfmal nach Ramallah und nach Israel geschickt, um mit Jassir Arafat und Ariel Scharon einen Plan für die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung in Gaza auszuarbeiten. Die Ägypter haben ein Waffenstillstandsabkommen für alle Palästinenserorganisationen vorbereitet und zugesagt, Berater nach Gaza zu entsenden, um die dortigen Sicherheitskräfte wieder aufzubauen. Arafats Regierung unterstützt diese ägyptische Initiative, aber die Menschen auf der Straße in Gaza scheinen wenig begeistert zu sein. "Kommen die Ägypter nach Gaza, um Israel zu verteidigen?", fragen sie.

Verschiedene Gruppierungen der Regierung kämpfen gegeneinander

Der Wettlauf um die Macht hat längst begonnen. Vor allem drei Gruppen ringen miteinander: vornean der Sicherheitsapparat der palästinensischen Autonomiebehörde, für den etwa 17000 Mann der nationalen Sicherheitstruppe, eine Art Palästinenserarmee, arbeiten. Dazu gehören auch die Polizei und die verschiedenen Nachrichtendienste mit jeweils mehreren tausend Beschäftigten.

Das zweite Machtzentrum bilden die Milizen der oppositionellen Organisationen, an der Spitze Hamas und Islamischer Dschihad. Drittens gibt es noch örtliche kriminelle Banden, die einzelne Aktionen gegen Israel unternehmen und nebenher lukrative Schmuggelgeschäfte betreiben. Die Gewalt der vergangenen Wochen brach jedoch nicht zwischen diesen drei Machtzentren aus, sondern nur innerhalb des ersten Machtzentrums – das heißt zwischen den unterschiedlichen Sicherheitskräften der Autonomiebehörde. An der Spitze jeder dieser Einheiten steht ein altgedienter Befehlshaber aus der Fatah-Bewegung. Gegenwärtig kämpfen also verschiedene Fraktionen und Gruppierungen der palästinensischen Regierungspartei miteinander.

Jeder dieser Befehlshaber untersteht direkt Jassir Arafat. Ihm gegenüber sind auch alle loyal – außer einem: Mohammed Dahlan. Der Streit zwischen ihm und Arafat entbrannte im Sommer 2003. Damals berief der palästinensische Ministerpräsident Mahmud Abbas den jungen Dahlan zum Innenminister, woraufhin dieser sofort umfassende Befugnisse im Sicherheitsbereich forderte. Der über allen thronende Präsident Arafat lehnte das ab. Nicht aus persönlicher Abneigung gegen Dahlan, sondern weil Arafat nicht bereit ist, irgendeinen Teil seiner Sicherheitsbefugnisse abzutreten. Denn die Herrschaft über den Sicherheitsapparat bedeutet Macht.