Einen Käufer hat Google schon für seine Aktien gefunden: Henry Blodget. Der ehemalige Staranalyst für Internet-Aktien will fünf Papiere kaufen. Ob das eine gute Werbung für den bevorstehenden Börsengang des kalifornischen Unternehmens ist, mag man allerdings bezweifeln. Blodget ist inzwischen eine Skandalfigur: Wegen seiner überzogenen und bisweilen nicht ganz ehrlichen Jubelarien auf Internet-Unternehmen in den neunziger Jahren ist er bei seinem alten Arbeitgeber Merrill Lynch in Ungnade gefallen – und die Wertpapierbehörde SEC hat ihm jegliche Wall-Street-Tätigkeit untersagt.

Der Börsengang des Suchmaschinen-Betreibers könnte schon in der kommenden Woche über die Bühne gehen, aber die ursprüngliche Euphorie ist vergangen. Im Augenblick redet kaum noch jemand vom "Finanzmarktereignis des Jahres" – auf das manche Investoren schon in dieser Woche gehofft hatten. Dann aber meldete Google "Verzögerungen bei der Registrierung" von Investoren. Das Unternehmen, das Millionen Menschen den Weg durchs Internet weist, sollte nach der Hoffnung vieler Brancheninsider das Interesse an der Internet-Branche wiederbeleben.

Das Auktionsverfahren ist für viele ein rotes Tuch

Schließlich waren Googles Gewinne in den vergangenen Jahren explodiert, seit das Unternehmen einen cleveren Weg fand, Anzeigen neben seinen Suchergebnissen zu platzieren. Obendrein hat Google Charme: Seine jugendlichen Gründer Sergey Brin und Larry Page laufen immer noch so herum wie in ihren Studententagen und fahren bisweilen mit Rollern über die Gänge ihrer Konzernzentrale.

Doch im Augenblick will niemand mehr etwas von dieser Erfolgsgeschichte wissen. "Vermasselt Google seinen Börsengang?", fragte in dieser Woche die Washington Post. Vor "Google-Lemmingen" warnte die New York Times. Etliche amerikanische Wirtschaftsgrößen sahen sich, ungewöhnlich, zu öffentlichen Stellungnahmen in Sachen Google veranlasst: "Ich kaufe nichts", erklärte etwa Steve Wozniak, der Gründer des Computerunternehmens Apple. "Wir glauben, dass viele institutionelle Investoren sich nicht am Börsengang beteiligen werden, aus Unsicherheit und aus Ablehnung des Auktionsprozesses", glaubt Scott Kessler, ein Analyst bei Standard & Poor’s.

Dieses Auktionsverfahren ist für viele Großanleger und Banker tatsächlich so etwas wie ein rotes Tuch. Bei gewöhnlichen Börsengängen geben Firmen ihre Aktien großen Investmentbanken in die Hand, die dann einen Preis festsetzen und sich um den Verkauf kümmern. Bei Google hingegen dürfen hoffnungsfrohe Investoren in den nächsten Tagen Gebote abgeben: wie viele Aktien sie kaufen wollen (Minimum: fünf) und zu welchem Preis. An einem Stichtag, den das Google-Management beliebig festsetzen kann, sichtet die Firma dann alle Gebote und rechnet aus, zu welchem Mindestpreis sie alle Aktien loswürde. Dieser Preis wird für alle Aktien festgesetzt – oder ein niedrigerer Preis, ebenfalls frei nach Laune des Management. Alle Bieter, die mehr geboten haben, dürfen und müssen dann bei einem der beteiligten Brokerhäuser Aktien kaufen.

Das alles ist äußerst kompliziert, doch zumindest in der Theorie haben kleine Investoren die gleichen Chancen wie Großanleger, Aktien zu erhalten. Und nebenbei, wie Page und Brin mehrfach genüsslich erklärten, versetzt es den Investmentbanken an der Wall Street einen Dämpfer. Sie können keine Preise manipulieren und unter der Hand keine Aktiendeals mit ihren besten Kunden machen.

Nur: Ihre eigentliche Motivation war all das nicht. Das Auktionsverfahren verspricht dem Unternehmen auch einen höheren Erstausgabepreis als das Standardverfahren – weil die Anleger ja schon im Vorfeld um die Aktien wetteifern und jedes Gebot bindend ist. Spekulative Aktienkurs-Explosionen am Tag der Erstausgabe gibt es nicht, statt der Erstinvestoren streicht das Unternehmen selbst dieses Geld ein. Brin und Page werden bei der Aktion Multimilliardäre, und die Schar privater Anleger, die in das Unternehmen investiert haben, reibt sich ebenfalls die Hände.