London

Bush oder Kerry – nirgendwo in Großbritannien schaut man dem Rennen um die amerikanische Präsidentschaft so gespannt zu wie in 10 Downing Street. Premierminister Tony Blair hat strikte Neutralität verordnet, doch John Kerry ist ganz klar der Wunschkandidat der Labour Party. Blair hingegen dürfte schon mal der Gedanke durch den Kopf gehen, dass auch eine Wiederwahl Bushs einen gewissen Charme besäße. Und dies nicht einmal in erster Linie wegen der langen Gesichter in Berlin und Paris. Blair will loyal bleiben gegenüber einem Verbündeten, der Mut gezeigt und, bei aller stillen britischen Verbitterung über horrende amerikanische Fehler, mit dem Waffengang gegen den Irak die richtige Entscheidung getroffen hat. Davon ist Blair nach wie vor fest überzeugt.

Dann ist da noch das unbehagliche Gefühl, eine Niederlage des republikanischen Präsidenten könnte einen Dominoeffekt suggerieren – erst der Spanier Aznar, dann Bush, nun muss auch der britische Irak-Krieger Blair damit rechnen, vom zornigen Wahlvolk aus dem Amt gejagt zu werden.

Und doch: Die meisten Minister und Berater des Premiers warten sehnlichst auf einen Sieg des Demokraten John Kerry. Tony Giddens, vormals Direktor der London School of Economics, Guru des Dritten Weges zwischen Sozialismus und Kapitalismus und Blair immer noch nahe, nennt Kerry einen "Traumpartner"; schon wegen dessen offenkundiger Bereitschaft, auf Europa zuzugehen, und der Absage an selbstherrliche Alleingänge. Multilateralismus heißt das Stichwort.

In der Umgebung Blairs blickt man deshalb voller Erwartung Kerrys "muskulösem Multilateralismus" entgegen. Schließlich predigt ihn Blair unablässig seit den Anschlägen vom 11. September 2001. Der frühere US-Präsident Bill Clinton, mit dem Blair immer noch enge Kontakte pflegt, umschrieb Kerrys Linie so: "Kooperieren, wann immer möglich, allein handeln nur, wenn es nicht anders geht." Diese Maxime würde London größeren außenpolitischen Handlungspielraum lassen. Die Insel könnte endlich wieder als Scharnier zwischen Amerika und Europa fungieren, eine Rolle, in der Blair letzthin wenig Erfolg beschieden war. Nicht nur aus argwöhnischer kontinentaleuropäischer Perspektive glich Großbritannien einem bloßen Anhängsel des amerikanischen Hegemonen – auf Gedeih und Verderb an Bush gekettet.

Die Basis der konservativen Partei fordert den Ausstieg aus der EU

Auch auf der Insel wird die britische Sonderbeziehung zu Amerika schärfer als zuvor attackiert, als postimperialistisches Überbleibsel einer einstigen Weltmacht abgetan oder gar als Demütigung empfunden. Roderick Braithwaite, einst britischer Botschafter in Moskau, signalisierte bereits im vergangenen Sommer das tiefe Unbehagen in Teilen des Außenministeriums, als er im Magazin Prospect vom "Ende einer Affäre" sprach und die "special relationship" mit Amerika als "emotionalen Trostspender" für eine absteigende Großmacht abtat.

Die britischen Interessen lägen in Europa, schrieb Braithwaite seiner Regierung ins Stammbuch, sie würden durch die Fixierung auf die USA ernstlich beschädigt. Im traditionell europafreundlichen Foreign Office ist diese Auffassung weit verbreitet. In ihr hallt Enttäuschung nach über den Verlust britischer Weltgeltung und eine gewisse Verachtung für die ungehobelten Parvenüs auf der anderen Seite des Atlantiks. Der Irak-Krieg verschärfte diesen Konflikt um Großbritanniens Orientierung und führte vor ein paar Monaten zu einem ungewöhnlichen Schritt: 52 britische Exbotschafter und Diplomaten lasen Tony Blair wegen des Irak-Kriegs und seiner Politik im Nahen Osten öffentlich die Leviten und verlangten eine klare Hinwendung zu Europa.