Las Vegas

Manchmal schießen die Mitarbeiter des Gaming Control Board in Las Vegas mit Schockpistolen auf einarmige Banditen. Spielmaschinen müssen nämlich einen Stromstoß von 20000 Volt aushalten können, bevor sie ins Kasino dürfen. Es ist nur einer von vielen Tests. Das Gaming Control Board fordert auch Kopien aller Computerprogramme, die in Las Vegas Spielmaschinen steuern. Inspektoren fahnden in Stichproben, ob jemand die Programme verändert hat. Schwere Zeiten für Computerhacker und andere, die vor ein paar Jahren noch mit allerlei technischen Tricks im Spielerparadies Vegas abräumen konnten.

Als am vorletzten Wochenende in Las Vegas die jährliche Defcon-Konferenz tagte, eine der größten Versammlungen für Computerhacker aus aller Welt, ging es vielen Teilnehmern trotzdem ums Automatenknacken. Doch das Interesse galt nicht so sehr den einarmigen Banditen, sondern den Zählmaschinen für die Präsidentenwahl in den USA am 2. November. "Hack the Vote!" war der Titel einer Defcon-Informationsveranstaltung – "Knacken Sie die Wahl!" Manch anarchistisch veranlagter Teilnehmer predigte "elektronischen zivilen Ungehorsam" und machte die anwesenden Agenten des FBI nervös. Könnte es technisch versierten Wahlbetrügern gelingen, das Rennen zwischen Bush und Kerry zu entscheiden?

Bei der Präsidentschaftswahl 2000 waren es defekte Lesegeräte und die berühmt-berüchtigten "Schmetterlings-Wahlscheine" Floridas, die zu endlosen Neuauszählungen führten – und George W. Bush womöglich einen unverdienten Wahlsieg verschafften. Deshalb haben viele Wahlbezirke inzwischen, angetrieben von einem 2002 erlassenen Gesetz namens Help America Vote Act, neue teure Automaten angeschafft. Etwa 50 Millionen Amerikaner werden im November papierlos ihren Präsidenten wählen: Sie tippen mit dem Finger auf ihren Wunschkandidaten, dargestellt auf einem Bildschirm, und ihre Stimme wandert in eine virtuelle Wahlurne. Weitere 55 Millionen tragen ihre Entscheidung wie gehabt auf Papier ein, füttern den Wahlschein aber anschließend in eine elektronische Lesemaschine. Der Haken: "Viele dieser Wahlmaschinen sind weniger sicher als Limonadenautomaten", sagt Cindy Cohn, die Chefanwältin der kalifornischen Aktivistengruppe Electronic Frontier Foundation.

Das harsche Urteil hat damit zu tun, dass bei amerikanischen Wahlen nicht etwa nur ein einziges, amtlich zugelassenes Modell von Wahlmaschinen aufgestellt wird. Jeder Bundesstaat, oft sogar jeder Wahlbezirk entscheidet sich für eigene Methoden der Stimmenauszählung. Die Hersteller überwachen die Zuverlässigkeit ihrer Maschinen mehr oder weniger selbst, die Computerprogramme zur Steuerung der Automaten gelten als Geschäftsgeheimnis. "Die Sache ist weniger ein Computerproblem als ein Aufsichtsproblem", sagt Bev Harris, eine Aktivistin aus Renton im Bundesstaat Washington, die sich dem Protest gegen elektronische Wahlmaschinen verschrieben hat. Harris hatte im Januar 2003 Aufsehen erregt, als sie 40000 Computerdateien auf einer Internet-Seite des Wahlmaschinenherstellers Diebold entdeckte. Darunter waren unter anderem komplette Programme für Diebold-Wahlmaschinen und für die Geräte, die am Ende einer Wahl alle Stimmen addieren.

Das Thema ist längst ein gefundenes Fressen für Verschwörungstheoretiker. Angefeuert werden sie durch Enthüllungen, dass Politiker und Lobbyisten Beteiligungen an manchen Wahlmaschinen-Herstellern halten. Der Chef des Wahlmaschinen-Herstellers Diebold, Walden O’Dell, erntete im vergangenen Jahr einen Entrüstungssturm, als er ungeschickt gelobte, "dem Präsidenten seine Stimmen zu liefern". Tatsächlich hat es in den vergangenen Jahren ein paar eigenartige Zwischenfälle mit Wahlmaschinen gegeben. 2002 verzeichneten die Wahlmaschinen der Firma ES&S bei einer Ausschusswahl im texanischen Scurry County gewaltige Gewinne für zwei republikanische Kandidaten – doch nach einer Neuzählung ging der Gewinn an ihre demokratischen Widersacher. Bei der Wahl zum Bezirkschef im kalifornischen Riverside County legte plötzlich der republikanische Kandidat Bob Buster zu, nachdem zwei Mitarbeiter der Wahlmaschinenfirma mitten in der Nacht die Zählmaschinen "repariert" hatten. Bürgerrechtsgruppen haben mindestens 56 solcher Fälle dokumentiert.

Als Konsequenz entschloss sich die Regierung des Bundesstaates Kalifornien im April, papierlose Maschinen ganz aus ihren Wahllokalen zu verbannen. Eine Reihe von Bürgerrechtsgruppen fordert schärfere Qualitätstests für die Maschinen, zusätzliche Aufsicht, und sie rät besonders besorgten Bürgern zur Briefwahl. John Kerry gab Mitte Juli bekannt, dass er ein eigenes Team von Rechtsanwälten zusammengestellt habe – ein Novum für eine demokratische Kampagne. Die Kerry-Anwälte stellen sich auf mögliche Probleme bei der Stimmenauszählung ein. Rebecca Mercuri, eine Sicherheitsexpertin aus Philadelphia, schlägt vor, dass alle elektronischen Wahlmaschinen zusätzlich noch einen Wahlschein aus Papier ausspucken sollen. Dann könne man wenigstens später noch einmal nachzählen.