Es gibt lauter schlechte Nachrichten aus dem Irak. Hier ist einmal eine gute: In Nadschaf sind nach Angaben der amerikanischen Armee innerhalb von zwei Tagen 360 Kämpfer der schiitischen Mahdi-Miliz getötet worden.

Zu zynisch?

Man muss nur den Standpunkt des irakischen Ministerpräsidenten Ijad Allawi einnehmen, um das Positive dieses body count zu sehen. Allawi muss den Irakern Sicherheit bieten. Um das zu erreichen, will er Stärke beweisen. Und gibt es einen besseren Beweis für Durchsetzungskraft als 360 im Kampf getötete Milizionäre? Wohl kaum.

So also ist es: Der politische Erfolg im Irak misst sich an den Toten, die ein Mann mit seiner harten Hand produzieren kann. Das gilt nicht nur für Allawi, das gilt auch für seine derzeit wichtigsten Gegner. Mokhtada al-Sadr, das schiitische Haupt der Mahdi-Armee, nährt sich vom Tod genauso wie Abu Mussab al-Sarqawi, der jordanische Terrorist.

Freilich haben alle drei unterschiedliche Motive. Allawi will einen darniederliegenden Staat wieder aufrichten, Zarqawi will ebendas verhindern.

Allawi will das Gewaltmonopol durchsetzen, Sarqawi will die Gewalt privatisiern, um damit Chaos zu erzeugen. Und Mokhtada al-Sadr? Der will sich möglichst viel Einfluss sichern, ob in einem geeinten Irak oder einer schiitischen Republik Nadschaf, scheint ihm egal zu sein. Da er weder das Alter noch das Ansehen besitzt, um sich unter den Schiiten als unumstrittener Führer durchzusetzen, versucht er es mit Gewalt.

Im Irak regiert also der Tod. Nicht etwa Wahlen sind die Quelle der Macht, sondern die Fähigkeit und der Wille zur Vernichtung des anderen. Für den Westen stellt sich die Frage, wie er sich dazu verhalten soll. Die Europäer haben ihre Antwort schon gegeben. Sie haben sich auf beschämende Weise aus dem gesamten Prozess verabschiedet. Als UN-Generalsekretär Kofi Annan um Schutz für das Team bat, das im Irak Wahlen organisieren soll, handelte er sich nur Absagen ein - auch von den europäischen Staaten. Gerade sie, die immer lauthals nach einer Rolle für die UN im Irak gerufen hatten!