Die Einweihung fand in kleinem Kreise unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Man wollte kein Aufheben machen, und außerdem herrschte in der Stadt eine Choleraepidemie. Doch sollte sich das Zusammentreffen von 15 Männern am 10. August 1854 in der Breslauer Wallstraße 1B als epochales Datum für das europäische Judentum herausstellen: Denn an diesem Tag wurde das "Jüdisch-Theologische Seminar (Fraenkelsche Stiftung)" eröffnet.

In den 84 Jahren seiner Existenz hat das Seminar die immense Bedeutung der Wissenschaft vom Judentum bezeugt. Hier entstanden nicht nur wegweisende Editionen klassischer Texte, wurde nicht nur das Thora/Talmud-Studium auf eine bis dahin nicht erreichte Höhe gehoben, sondern man schuf die Grundlagen eines modernen Judentums, dem glaubhaft der Spagat zwischen Tradition und Emanzipation gelingt. Sucht man nach einer Widerlegung von Gershom Scholems verheerendem Verdikt über die angebliche "Selbstliquidation" des Judentums, dann findet man sie in der Wirkungsgeschichte des Seminars. Hier wurde der berühmte Satz Leo Baecks vorgebildet und beglaubigt, wonach der "Monotheismus Israels" der "ethische Monotheismus" sei: "Die Ethik ist hier zur Religion nicht hinzugefügt, sondern ein Wesentliches in ihr."

Diese Grundsätze haben den Breslauern von zionistischer Seite den Vorwurf der "Lutherisierung des Judentums" eingebracht. Ihr Motiv war allerdings leicht durchschaubar: Der politischen Vision eines eigenen Staates stand die erfolgreiche Arbeit des Seminars in der Diaspora entgegen. Mit guten Gründen antwortete man ironisch: "Die Kerle wollen glücklich sein!"

Ermöglicht wurde die Gründung durch eine testamentarische Verfügung des 1846 verstorbenen Kommerzienrats Jonas Fränkel, die vorsah, ein "Seminar zur Heranbildung von Rabbinern und Lehrern" einzurichten. Nach heftigen Machtkämpfen wurden der Rabbiner und Vertreter eines "positiven und historischen Judenthums" Zacharias Frankel (1801 bis 1875), der Philologe Jacob Bernays (1824 bis 1881) und der einflussreichste jüdische Historiker des 19. Jahrhunderts, Heinrich Graetz (1817 bis 1891), als erste Lehrer an das Seminar berufen. Obwohl die Widerstände in der jüdischen Presse massiv waren, erfreute sich das Seminar schnell großen Zuspruchs aus ganz Europa. Viele Absolventen wurden zu führenden Lehrern an jüdischen Bildungsanstalten in Budapest, Cincinnati, Jerusalem, Florenz, London, New York oder Wien. So etwa Adolf Schwarz (1846 bis 1931), der die Wiener Lehranstalt ab 1893 leitete und dessen zahlreiche Studien zum Talmud Gipfelleistungen moderner Hermeneutik darstellen. Die Zahl der bedeutenden Oberrabbiner reicht vom ersten Absolventen des Seminars, dem Historiker und entschiedenen Gegner des Zionismus Moritz Güdemann (1835 bis 1918), bis zu Kurt Wilhelm (1900 bis 1965), der nach dem Krieg an der Frankfurter Universität lehrte. Mit dem Seminar war ein entscheidender Schritt von der "geringen organisatorischen Fixierung" der Rabbinerausbildung hin zu ihrer institutionalisierten Form getan. Bis zur endgültigen Zerschlagung des Lehrbetriebs durch die Nationalsozialisten am 21. Februar 1939 gelang es, über 700 Studenten auszubilden und 249 Rabbiner zu ordinieren.

Die wissenschaftliche Anerkennung des Instituts stellte sich schnell ein: Bereits 1851 gründete Frankel die Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, die zum international beachteten Sprachrohr des Seminars wurde. Bis 1939 erschienenen 83 Bände, sie stellen ein einmaliges Zeugnis jüdischer Gelehrsamkeit in der Moderne dar. Neben den klassischen exegetisch-theologischen Themen werden von Beginn an historische und philosophische Probleme diskutiert. Obwohl zahlreiche Abhandlungen den Umweg über die Geschichte wählen, sind sie doch Kommentare zur jeweiligen Situation des Judentums. Das stand ganz im Einklang mit der Intention der Herausgeber von Frankel bis hin zu Isaak Heinemann, die durchaus Meister des polemischen Tons waren, den Aufgeregtheiten des Tages aber wenig Bedeutung schenkten.

Doch die Bedeutung des Seminars reicht weit über die Leistungen in Ausbildung und Wissenschaft hinaus. In Breslau entwickelte man eine "Ethik des Judentums", die aus den traditionellen Quellen universalistische Gültigkeit ableitete. Die Auserwähltheit des jüdischen Volkes wurde als Herausforderung Gottes interpretiert, Exempel für die Menschheit zu sein. Hermann Cohen, Schüler des Seminars, hat in seinem Nachlasswerk Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums dem Breslauer Ansatz ein Denkmal gesetzt. In Cohens Werk spielt die Treue zum jüdischen Glauben und zum jüdischen Volk eine entscheidende Rolle. Die Breslauer Seminaristen lebten diese Treue auch in der Zeit der Deportationen: Über dreißig Rabbiner haben in den Lagern ihr Leben verloren; nur wenige haben die Torturen überstanden.

150 Jahre nach der Gründung des Seminars jedoch ist trotz der gewaltigen Leistungen seiner Lehrer und Schüler eine traurige Bilanz zu ziehen: In Breslau ist das Gebäude in der Wallstraße längst abgerissen, die Namen unzähliger Gelehrter scheinen für immer vergessen, nicht einmal eine kleine Tagung anlässlich des Jubiläums wurde von der DFG finanziert. Aber auch die jüdischen Organisationen schweigen. Es scheint, als habe außer den wenigen Überlebenden des Seminars, die 1963 eine Gedächtnisschrift publizierten, nach dem Zweiten Weltkrieg kaum jemand an die Breslauer Institution gedacht. Der spätere israelische Staatspräsident Salman Shazar hingegen prägte das Wort, dass die Breslauer geholfen hätten, die "bedeutendste Gabe, die das deutsche Judentum dem Gesamtjudentum schenkte" zu wahren und in alle Welt zu tragen: die Wissenschaft des Judentums.