Dass die Zeit uns trügerisch umwallt und sich Begriffen von Dauer oder Kürze entwindet, ahnen wir, auch ohne Physikunterricht. Die langen Wochen der Ferien – verschrumpelt am Ende des ersten endlosen Arbeitstages zur kirschkernwinzigen Kleinigkeit, eine Verdichtung von Auszeit sozusagen. Ein kurzer Moment, des Glücks oder Unglücks, kann sich weit ausdehnen über alle unsere Tage, wie viele das wohl sein werden? Unendlich viele Lebenstage ersehnen sich die meisten – und sorgen klug für die Zeit nach ihrem Ende. Eine Lebensversicherung für das Kind, behüte sie vor Hartz, ein Haus zum Vererben, vielleicht nur ein Buch, viel besser eine veritable Bibliothek mit dem Kanon für die Ewigkeit. Platon, auf säurefreiem Papier konserviert. Natürlich Goethe. Der schrieb mit der Zuversicht, ganze Generationenfolgen mit seinem kosmischen Vertrauen auszustatten: "Himmel und Erde befolgt ewiges, festes Gesetz", versicherte er ihnen, "Jahre folgen auf Jahre, dem Frühlinge reichet der Sommer, / Und dem reichlichen Herbst traulich der Winter die Hand."

Frühling und Sommer, als kreatürliche Gewissheit aller selbst im Winter – an so was muss man glauben, um Texte wie die von Goethe oder der Bachmann, Partituren von Beethoven und Stockhausen in strahlungsresistente Patronen einzuschweißen und in Bergwerken zu versenken, als selbstgewisse Botschaft an eine zukünftige Welt, die Katastrophen wie Atomstürme überdauern sollte, unter denen ja ein Sommer durchaus zum Winter werden könnte und die selbst einen Gingko Biloba auf immer entblättern würden, dem Goethe noch zutraute, als Bote uralter Kulturen in den Gärten der Zukunft zu florieren. Jahre folgen auf Jahre, wie gesagt, so viel Zuversicht war – bis zu der Meldung, die sich neulich auf den vermischten Seiten einer Zeitung fand: "Erde in 600 Millionen Jahren unbewohnbar", stand da, und: "in etwa 30 Milliarden Jahren" werde das Universum nicht mehr existieren, so die Astronomen. Weggewischt die Strahlungsresistenz, der Bunker, die Texte, himmlische Klänge, wir sowieso. Natürlich die Zeit. Und die Liebe? Eine "dunkle Kraft", so formulierten Wissenschaftler, werde uns in der Unendlichkeit zerstreuen.

30 Milliarden Jahre, darf man da lachen? Oder muss man sich fürchten, auch wenn man kaum weiß, mit wie vielen Nullen zu rechnen ist, geschweige denn erspüren könnte, ob 30 Milliarden Jahre, in kosmischen Dimensionen gemessen, ein Moment sind oder eine kleine Ewigkeit? Klar ist: Da ist ein Ende.

Vor dem Ende sind Museen eitle Gebaren, die Bibliotheken eine Vorläufigkeit, die jüngste Rettung einer Schillerschen Handschrift vor Tintenfraß und Moderpilz ist ein Kinderspiel. 30 Milliarden, und alles fällt an seinen Ursprung zurück. "Finsternis lag über der abgrundtiefen Flut. Gottes Geist schwebte über den Wassern", so steht es in der Genesis. Als Versprechen für einen Neuanfang übrigens, auf immer und ewig. Die Frage ist nur: Wo ist ewig?