Berlin

Zeigt sich jetzt endgültig der "wahre" Lafontaine? Zum Schwarzweißdenken hat er stets geneigt, er hat Gefolgschaft verlangt, auch wenn sie nicht auf Überzeugung beruhte. Seinem Machtziel, was immer es war, musste sich vieles unterordnen. Er hat sogar selber dafür gesorgt, dass man dieses Napoleoneske an ihm für die ganze Wahrheit hielt, als wolle er noch das schlichteste Klischee verstärken. Aber um Macht kreiste das Denken anderer seit den Studententagen auch, eitel ist nicht er allein. Sogar seine ausbleibende Begeisterung über die Einheit spiegelte ehrlich eine bundesrepublikanische Mentalität wider – vom rücksichtslosen Gebrauch der Wiedervereinigung als Machtfrage einmal abgesehen.

Oskar Lafontaine bestätigt inzwischen aber das Bild, das sich von ihm durchgesetzt hat. Ambivalenz ade! Das Ego plagt, das Ego jagt! Zu erzählen ist hier eine traurige Geschichte. Lafontaines Meinungen teilt kaum einer in den Medien, von den wenigen Stimmen abgesehen, die sowieso mit der ganzen politischen Klasse gebrochen haben, als lebten wir in Weimar. Umso besser!, ruft er, alle sind gegen mich, dann muss es ja stimmen. In den Talkshows findet das Resonanz, dort braucht man ja "Zoff", und da lässt sich die Brücke zum Volk bauen – auch wenn er hinterher über das konforme Talkshow-Gelaber höhnt.

Die jetzige Politik, so sucht Lafontaine dem Spiegel zu erklären, habe "der SPD die Seele geraubt". Wenn sich diese Politik nicht ändere, wenn also der "Sozialabbau" nicht rückgängig gemacht werde, dann werde er eine neue linke Gruppierung unterstützen.

Damit betritt Lafontaine "das Spielfeld", um es in der Metaphernsprache Franz Münteferings zu sagen, und zwar als Gegner. Die wahre "Seele", meint Lafontaine, bin ich. Schon um das nicht scheinbar zu bestätigen, haben Franz Müntefering und die Parteispitze beschlossen, ihn nicht vom Platz zu stellen. "Wir waren uns immer einig", sagt einer seiner engsten Freunde von ehedem, Reinhard Klimmt, "dass wir an der Spitze nicht nur den Karren gezogen, sondern dass die Leute uns auch Vertrauen entgegengebracht haben, weshalb Bundes- und Landesvorsitzende die Partei nicht wechseln können." Aus Klimmts Sicht würde man sonst dieses Vertrauen verraten. Lafontaines Kategorien sind das, wie man sich denken kann, nicht.

Ein Opfer vom Scheitel bis zur Sohle

Aber vermutlich zählt auch Klimmt inzwischen für ihn zu den "Opportunisten", die dem Kanzler nur nach dem Mund reden und der Macht nachlaufen, so wie die meisten Journalisten ja auch. Inzwischen aber lässt sich die Frage gar nicht mehr umgehen, wie es kommt, dass die Politik – in liberalen Gesellschaften, in der Ära der Globalisierung – zwar immer schwieriger wird, Lafontaines Erklärungen aber immer einfacher, ja geradezu monomanisch und schlicht. Mehr als viel rätselhafter Widerspruch ist letztlich nicht geblieben, dazu die Parole, die obsessiv um Gerhard Schröder kreist: "Es reicht, der Kerl muss weg!" Und wer sich auf solche Schlichtheit nicht einlassen kann, dem will er das auch nicht weiter erklären. Der gehört eben zur "anderen Seite", was immer das ist. Nein, Oskar Lafontaine ist schwer zu erreichen. Nein, er ruft auch nicht mehr gern zurück. Die Sache spricht doch für sich!

"Die jetzige SPD-Führung hat meinen Rücktritt nie aufgearbeitet", hat Lafontaine, Schröder-Opfer vom Scheitel bis zur Sohle, kürzlich der Stuttgarter Zeitung erklärt. Für einen Moment blitzte nun im Spiegel- Gespräch auf, welche Wunde ihn wahrhaft schmerzt: Seinem Rückzug im Kampf um die Kanzlerschaft, so Lafontaine, habe nämlich eine "rationale Überlegung" zugrunde gelegen, niemand hätte verhindern können, dass er Kanzlerkandidat wird, "aber Schröder hatte die höhere Zustimmung im Volk".