Wer Glück hatte, konnte im Sommerurlaub ein bisschen Erholung finden, vielleicht sogar ein paar tiefere Einsichten. Die Rückkehr in die Realität ist dann oft mit gesteigertem Stress verbunden. Lassen sich die Errungenschaften der Ferien irgendwie in den Alltag hinüberretten?

Der Urlaub liegt hinter Ihnen. Das Flugzeug setzt zur Landung an. Vielleicht freuen Sie sich ja nicht besonders auf den Alltagstrott. Warum diese Tristesse bei der Rückkunft zu Hause? Sie ist gut zu erklären dadurch, dass Sie aus einer Weite kommen, wie sie bei jeder Reise erfahrbar wird, und in einer Enge ankommen, wie sie an jedem Ort herrscht, an dem man bleibt. Jedes Unterwegssein vermittelt Weite, an jedem Ort aber wird es eng, denn die Weite der Möglichkeiten reduziert sich auf die einzige Wirklichkeit, die hier dominiert. Und diese Wirklichkeit entspricht oft nicht den Vorstellungen, die Sie sich in der Ferne gemacht haben. Das Ideale wird vom Realen eingeholt.

Jetzt erwartet Sie wieder das Klein-Klein des Alltags. Die Schwerkraft der Verhältnisse zieht Sie wieder hinab. Sie sollten sofort völlig präsent sein und sind doch noch unterwegs. Die Statik der Beharrung fängt die Dynamik der Bewegung ein. Die Arbeiten am Schreibtisch oder im Haushalt haben sich, wie bei der Rückkunft klar wird, eben nicht von selbst erledigt. Sie müssen sich wieder eintakten in den Normalrhythmus. Sie haben den Forderungen anderer zu genügen, die darin eine reine Selbstverständlichkeit sehen, und das ist ihnen nicht vorzuwerfen.

Aber vielleicht sind Sie auch ganz froh, aus der Fremde in die Vertrautheit zurückzukehren? Denn das ist die andere Seite: Hier können Sie die Dinge des alltäglichen Lebens, die Begegnungen, die Erfahrungen, wieder besser einschätzen. Heimat ist dort, wo Sie sich auskennen, wo Sie die Bedeutungen der Dinge verstehen, auch die unausgesprochenen. Wo Sie sich nicht unentwegt abmühen müssen, etwas richtig zu interpretieren, um doch nur wieder das Wichtigste zu übersehen. Was bedeutet ein Lächeln? Ist es ernst gemeint, oder ist es eine Falle der Freundlichkeit, in die Sie tappen? Was bedeutet ein Stirnrunzeln? Ist es ironisch gemeint, oder kündigt es Unheil an? Was bedeutet es, wenn jemand nichts sagt? Ist es als Zustimmung oder Ablehnung, als Misstrauen oder Wohlwollen zu interpretieren? Das sind die Situationen, mit denen immer im Leben zurechtzukommen ist, die in der Fremde jedoch nicht so treffsicher zu deuten sind wie zu Hause. Heimat ist dort, wo Sie auch "zwischen den Zeilen" lesen können.

Jetzt erst bemerken Sie es: In erster Linie ist die Heimat eine "hermeneutische", Hermeneutik als Kunst der Deutung und Interpretation verstanden. Das macht die Geborgenheit der Heimat aus, die im selben Maß kaum je andernorts zu erreichen ist. Über viele Jahre hinweg sind Sie hineingewachsen in all die Usancen und Nuancen der Bilder und Zeichen. Alles, was Heimat heißt, ist eine Funktion dieses hermeneutischen Grundes.

Das ist klar zu erkennen nach einer Zeit des Fernseins, in der kaum etwas entbehrt worden ist, es sei denn dies eine, das bei der Heimkehr deutlich vor Augen steht: hier mehr als irgendwo sonst zu verstehen und verstanden zu werden. Kein absolutes Verständnis ist damit gemeint, einfach nur ein gewohntes, vertrauensvolles Verstehen: Zu Hause sind Sie dort, wo Sie alles, fast alles verstehen können. Genießen Sie den glücklichen Moment, der bald im Alltag wieder untergeht. Bis dann die allzu große Gewohnheit wieder in die Sehnsucht nach Ferne und Fremde umschlägt.

Wilhelm Schmid