Wo die Friseure "Notaufnahme" heißen und die Modeläden "Eisdieler", ist der Name "An einem Sonntag im August" eine lyrische Herausforderung. Das Café befindet sich neben einer quietschenden Kreuzung am Anfang der Kastanienallee im Prenzlauer Berg. Die schmale Meile wird von rauschenden Straßenbahnen und ratternden Lastwagen zu dauernder Wachheit aufgeputscht. Irgendwo hat jemand ein Ortsschild von Marzahn angebracht: ein Witz der neuen Ureinwohner, die in der alten Straße ihre schlaflose Subkultur-Kommune zelebrieren. Am Vormittag riecht das Café nach der Nacht von gestern und den Nächten, die noch kommen. Die Party-Patina hängt über dem Lokal als Hautgout des Lebens, abgestanden und verheißungsvoll. Ein gewaltiger Zigarettenautomat, sumpfige Sofas, in der Ecke ein Lotterbett. Fetzen von Plüsch und Strass – der Ort zitiert den Glamour, um ihn zu verraten, sobald der Morgen graut. Das Publikum ist bunt gemischt, das liegt am billigen Buffet. Drei Euro hat jeder, der Student und die Friseurin, der Arbeitslose und der Computerverkäufer, die alleinerziehende Mutter und der Trash-Designer. Wie Spatzen hocken sie auf der lauten Straße und hinterlassen, wenn sie gehen, viele Krümel auf den langen Tischen.

Da kommt Krischan, sagt die milchweiße Serviererin zu ihrer Kollegin, als ein Mofa vorfährt und ein Mann mit rotem Helm und brauner Samtjacke absteigt und das Café betritt. Hungrige Augen, bewegliche Glieder, ein Nachtmensch. Ihn wähle ich aus, er wird meine Bekanntschaft. Der Mofa-Mann holt sich ein Frühstück aus der Küche – viel Schinken, viel Käse, viel Milchkaffee. Krischan Schöninger ist einer der vier Betreiber von "An einem Sonntag im August", kleiner Teilhaber nennt er sich. Datenverarbeiter-Lehre, ein paar Semester Philosophie, Verfasser erotischer Geschichten. Als wir 1998 aufmachten, kam kein Schwein, sagt Schöninger, in ein volles Lokal gehen alle, ein leeres meiden alle. Du schreibst doch über Sex, meinte mein Kompagnon, lass uns Erotik-Lesungen machen! Das kam an. Erotisches zur Nacht läuft bis heute jeden Donnerstag, dazu das 3-Euro-Buffet, manchmal geht es hier bis morgens um sieben. Können Sie vom Café leben? Ich kann mir Parma-Schinken leisten; aber wenn ich das alles in der Zeitung lese, Hartz IV und so weiter, werde ich ganz demütig. Schöninger beißt sinnend ins Kürbiskernbrötchen. Erotische Lesungen sind gut gegen Angst, sage ich, den Eingeschlossenen in der Grube von Lengede haben die Ärzte über Lautsprecher Wirtinnen-Verse gesandt. Der Sex-Dichter guckt ungläubig, Frau Wirtin hat auch einen Inder, hebt er an. Ob man die soziale Lage im Café spüre, frage ich ihn. Es gibt ’ne Menge gestörte Typen, die kommen ein paar Wochen lang, verschwinden und werden ersetzt durch andere gestörte Typen, die sich auch irgendwann in nichts auflösen, die Welt ist undurchschaubar geworden. Ich hab mal Roulette gespielt, erzählt er. Du stehst am Nachmittag in Anzug und Krawatte oben im Spielcasino vom park inn am Alexanderplatz, wo mit Geldscheinen um sich geworfen wird, während die da unten für wenig Geld hart arbeiten, das hat schon einen morbiden Reiz.

Was ist heute, in diesem Moment, wichtig für Sie? Als Anwort geht Schöninger zum Tresen, kommt mit einer Streichholzschachtel zurück. Auf der Schachtel ist das Bild einer Frau mit weißer Haut im roten Abendkleid, tief dekolletiert. Das hat Anika gemalt, meine Freundin, sie studiert an der Universität der Künste, sie wird mal ganz groß, ich stehe ihr heute das erste Mal Modell.