Es gibt Menschen, die haben nichts dagegen, wenn sich ein Wildfremder im Bus von hinten an sie drückt, sie an der Supermarktkasse mit dem Bauch vor sich herschiebt oder sich in der Schlange vor dem Geldautomaten seufzend an sie lehnt. Es muss viele geben, die nichts dagegen haben, die diese Art von Annäherung anregend finden – würde es sonst so viele Wildfremde geben, die ungehemmt auf Körperkontakt gehen? Was aber tun, wenn man zu einer sensiblen Minderheit gehört und sich daran stört? Wie hält man Distanzlose auf Abstand?

Zuallererst: Halten Sie selber welchen. Lassen Sie immer so viel Platz zum Vordermann, dass Sie noch ein Stück aufrücken können, falls Ihnen jemand hinterrücks zu nahe kommt. Bleiben Sie aber auch nicht so weit zurück, dass andere sich vor Sie schieben und den Abstand wieder zunichte machen können (Sie kennen das vom Autofahren); die ideale Pufferdistanz variiert stark, je nachdem, ob man am Hauptbahnhof mit -zig Städtern in den Bus steigt oder auf dem Land mit drei alten Mütterchen. Müssen Sie dann eines Bedrängers wegen tatsächlich Ihren Sicherheitsabstand aufgeben, tun Sie das nicht ohne weiteres: Er oder sie wird es nicht merken oder, schlimmer, Ihr Vorrücken als persönlichen Sieg verbuchen und Sie nur weiter bedrängen.

Drehen Sie sich also um, mustern Sie den anderen oder die andere distanziert, und rücken Sie nach drei Sekunden ostentativ von ihm/von ihr ab. Wollen Sie die Aktion noch unterstreichen, rümpfen Sie die Nase (im Sommer tut man das in einer Stadt wie Berlin fast von allein), oder ziehen Sie Ihr vom Schweiß des Hintermannes schon angenässtes T-Shirt angeekelt vom Körper weg. Für Abstandsverletzer mit einer gewissen Restsensibilität reicht das als klares Signal.

Wer Ihnen trotzdem hinterherrückt, weil er einfach nicht glauben will, dass Sie ihn nicht anziehend finden, oder weil er sich seinem Handy oder einem (auf Ihren Rücken tropfenden) Eis widmet, den müssen Sie ansprechen, bevor Sie zum Sandwich werden. Denken Sie daran: Oft versuchen Nichtabstandhalter in Wahrheit nur, heftige Komplexe zu kompensieren (sie sind übergewichtig und wurden als Kind nie beachtet) und ziehen sich tief getroffen, ja mit tränenfeuchten Augen zurück, sagt man ihnen sehr freundlich, dass man ihre Nähe nicht mag. Sehr freundlich, wie gesagt, fast therapeutisch; höchst unsensible oder höchst sensible Naturen könnten sonst wild auf Sie einpöbeln oder Sie erst recht bedrängen und Ihnen dabei ihren Zigarettenrauch ins Genick blasen.

Wollen Sie Schlimmeres vermeiden, sollten Sie auch nie versuchen, einen Aufdringlichen mit den Armen wegzudrücken. Als Abstandshalter gut geeignet ist dagegen ein zusammengerolltes Küchenrollo oder eine meterlange Gardinenstange, scheinbar gedankenverloren in der Hand so hin- und hergeschwenkt, dass die eine Hälfte vor, die andere Hälfte hinter Ihnen Raum schafft (keine Angst, dass jemand Sie zur Rede stellt: Absurdes Verhalten im öffentlichen Raum wird heutzutage kritiklos hingenommen).

Noch besser, Sie legen sich einen Kinderwagen zu. Mit dem kann man sich, umständlich rangierend und dennoch von allen akzeptiert, nach allen Seiten Abstand schaffen. Und rückt doch noch jemand zu nahe heran, bringt ein kurzes Kneifen Ihr Kleines zum Distanz schaffenden Sirenenschrei.

Sie haben gar kein Kind? Macht nichts. Was glauben Sie, in wie vielen Kinderwagen nur ein Tonband brüllt?