Vor 15 Jahren sinnierte ich in einer Kolumne der Zeitschrift Physics Today darüber, dass sich die verschiedenen Generationen von Physikern darin unterschieden, inwieweit sie die Interpretation der Quantenmechanik für ein ernsthaftes Problem hielten. Ich selbst bekannte, zu denjenigen zu gehören, die sich deutlich unwohl fühlen, wenn sie sagen sollen, was sie wirklich über die Quantentheorie denken. "Wenn man mich zwingen würde", schrieb ich, "in einem Satz zusammenzufassen, was die Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik bedeutet, dann würde ich sagen: Shut up and calculate! (Halt den Mund und rechne!)."

Inzwischen sind einige Jahre vergangen, und ich bin zu einer abgemilderten und differenzierteren Auffassung der Kopenhagener Sichtweise (siehe Kasten) gelangt. Doch das wäre ein anderes Thema. Hier soll es vielmehr um die Gepflogenheiten des falschen Zitierens gehen, die unserem Berufsstand zu schaffen machen.

Ich bin jetzt glücklicherweise in einem Alter, in dem ich dazu neige, Dinge zu vergessen, die ich vor mehr als ein paar Jahren zu Papier brachte. Ich finde es sogar regelrecht ärgerlich, wenn mich jemand zu Veröffentlichungen befragt, die ich vor einem halben Dutzend Jahren geschrieben habe, und mich dabei naiv mit dem Autor dieser historischen Texte gleichsetzt.

Bis vor kurzem konnte ich mich nicht einmal daran erinnern, einen so überaus feinsinnigen Standpunkt wie die Kopenhagener Deutung derart brüsk und kindisch abgetan zu haben. Dieser Gedächtnisschwund in Verbindung mit der Evolution meines Denkens, durch die ich mich weit von meinen längst vergessenen Äußerungen entfernt habe, mag erklären, warum mich kürzlich beim Durchstöbern des elektronischen Archivs ein leicht ungutes Gefühl beschlich. Denn dort las ich einen Artikel, in dem Max Borns Wahrscheinlichkeitsgesetz als "beliebtester Bestandteil jener Interpretation der Quantenmechanik" charakterisiert wurde, "die, nach Feynmans berühmtem Diktum, die ›Halt den Mund und rechne!‹-Deutung genannt wird".

130 Treffer im Internet – aber kein einziger gibt eine Quelle an

Aus meiner Bewunderung für den großen Physiker und Schöpfer der Quantenelektrodynamik Richard Feynman und seine Aphorismen über die Natur der Quantenmechanik habe ich nie einen Hehl gemacht. Vor langer Zeit habe ich sogar ein Gedicht veröffentlicht (Physics Today, April 1985, S. 47), das ausschließlich aus dem in Versform gesetzten Absatz eines Artikels bestand, in dem Feynman seine eigene Position zur Quantentheorie erläutert.

Aber während mir "Halt den Mund und rechne!" als Charakterisierung einer bestimmten Interpretationshaltung irgendwie entfernt bekannt vorkam, konnte ich mich nicht daran erinnern, wo Richard Feynman das geschrieben hatte. Während ich noch darüber nachgrübelte, drängte sich mir ein schrecklicher Verdacht auf. Konnte es sein, dass etwa ich selbst diesen Satz einmal benutzt hatte? Wenn ja, dann würde es so aussehen, als hätte ich ihn bei dem Nobelpreisträger aufgeschnappt, die Quelle aber vergessen und ihn als meinen eigenen ausgegeben. Verheerend!

Das wäre deshalb so verheerend, weil ich es fürchterlich finde, irgendwelche Witzigkeiten zu sagen oder zu schreiben, die nicht meine eigenen sind – es sei denn, ich mache absolut deutlich, woher und (soweit bekannt) von wem ich sie habe. Ich erzähle nicht einmal gern Witze, die ich mir nicht selbst ausgedacht habe.