Der große Flachbildschirm blinkt rot. Beim Mountainbike-Rennen sind beide Drucker ausgefallen: Sie können die Ergebnisse der Rennradler nicht zu Papier bringen. Rot, das heißt Notfall, äußerste Dringlichkeit. Eigentlich müsste im Technical Operations Center (TOC), dem IT-Herz der Olympischen Spiele in Athen, jetzt hektische Betriebsamkeit herrschen. Die Kommandozentrale, von der aus die Infrastruktur überwacht wird, müsste sofort damit beginnen, das Problem zu lösen. Aber keiner in dem Rechenzentrum wirkt sonderlich gestresst. Die Lampe blinkt alarmierend ins Leere.

"Ausgefallene Drucker an den Austragungsorten sind nicht so dramatisch, dass die Leute die höchste Alarmstufe melden sollten", knurrt Aris Seitanides von Atos Origin, einem wichtigen IT-Dienstleister bei den Olympischen Spielen. Das Radrennen war bloß ein Testlauf. Es liegt schon einige Tage zurück, und bis zur Eröffnungsfeier blieb den Technikern noch Zeit, ihr System zu verbessern. Zum Glück für Seitanides.

Wenn an diesem Freitag die Spiele beginnen, dürfen sich weder die Fehlermelder noch die Problemlöser solche Schnitzer erlauben. Nur dann bekommen sie die höchste Auszeichnung, die sich IT-Fachkräfte erarbeiten können – die Gewissheit, dass niemand ihre Existenz bemerkt.

Um unsichtbar zu werden, sind die Atos-Origin-Mitarbeiter seit einem Jahr dabei, jedes Katastrophenszenario durchzuspielen, das sie sich vorstellen können. "Ob wichtige Mitarbeiter wegen eines Verkehrsunfalls nicht vor Ort erscheinen, ob Überschwemmungen, Erdbeben oder gar terroristische Anschläge den Ablauf der Spiele stören", auf jede denkbare Katastrophe bereitet Central Operations Manager Seitanides seine Mitarbeiter vor: "Wir testen, testen und testen wieder. Und dann testen wir noch einmal." So viel Aufwand ist nicht umsonst: Bei den Winterspielen in Salt Lake City schlugen die Kosten für IT- und Telekommunikation mit rund 300 Millionen US-Dollar zu Buche. Athen wird gewiss nicht billiger.

Die meist jungen Leute vor den Bildschirmen drücken die Tasten und ziehen die Strippen, damit Millionen Menschen in Athen und auf der ganzen Welt die Spiele ungestört genießen können. Sie sind die Bühnenarbeiter in einem populären Welttheater – was man den unscheinbar in Jeans und T-Shirts gekleideten Mittzwanzigern auf den ersten Blick nicht unbedingt ansieht. Nur die bunten Bändel um den Hals, die sie als TOC-Mitarbeiter ausweisen, deuten daraufhin, dass sie eine wichtige Rolle im Olympia-Zirkus spielen. Insgesamt 3400 Mitarbeiter – die Ehrenamtlichen eingeschlossen – kümmern sich während des Großereignisses um die technische Infrastruktur.

Eine perfekte Inszenierung sollen die Spiele werden. Wie die Athleten sich Höchstleistungen abfordern, die Sieger triumphieren und wie Hoffnungen scheitern, wie Unbekannte zu neuen Stars werden, das will die ganze Welt sehen. Möglich ist das nur, weil Fachleute im Hintergrund das griechische Drama für sie aufbereiten. Und diese haben gut zu tun, denn die Dimensionen haben sich gewaltig verändert: 1896 wetteiferten die Athleten gerade einmal in acht Sportarten miteinander, heute dagegen in 28. Insgesamt 10500 Sportler aus 202 Ländern treten in den 35 Wettkampfstätten gegeneinander an, von denen aus die Bilder unter anderem auf 14 Großbildleinwänden des Olympia-Sponsors Panasonic in und um Athen übertragen werden. Hinzu kommen mehr als 1200 Lautsprecher sowie 15000 Plasma-Displays und Fernseher.

"Wir beobachten eine Perfektionierung der Darstellungskunst", sagt Gerhard Schulze, Professor für Soziologie und Autor des in den Neunzigern stark beachteten Buchs Die Erlebnisgesellschaft. "Gerade bei der Inszenierung von Massenereignissen und ihrer technischen Unterstützung." Schließlich wollen die Zuschauer heute stärker in das Geschehen mit einbezogen werden.

Visuelle Eindrücke sind dabei von zentraler Bedeutung. "Wir liefern die Bilder, die der Welt den Eindruck vom Turnier geben", sagt Francis Tellier, Chef der Host Broadcast Services (HBS), die die Fernsehübertragung der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland organisieren wird. "Der Wettkampf kann noch so gut organisiert sein, wenn wir versagen, sind die Fußballfans rund um den Globus enttäuscht und haben einen schlechten Eindruck vom Gastgeberland." Auch hier: gestiegene Anforderungen an die Dienstleister. Lange Zeit nahmen eine oder höchstens zwei Kameras die Turniere auf, die Filme wurden entwickelt und geschnitten und erst dann übertragen, erzählt Tellier. In den Sechzigern begann der Siegeszug der Video-Live-Übertragung, "aber auch damals waren selbst bei Großereignissen fünf Kameras noch viel", sagt der HBS-Chef. Das änderte sich in den Achtzigern, als die TV-Sender anfingen, Bilder aus möglichst jedem Winkel des Stadions zu verlangen. Bei der Fußballweltmeisterschaft 1998 in Frankreich zeichneten schließlich 18 Kameras die Fouls und Tore auf, damit die Zuschauer immer mehr das Gefühl bekommen, dabei zu sein – doch diese nehmen solchen Service kaum noch als etwas Besonderes wahr.