Den ersten Marathonlauf der olympischen Geschichte gewinnt 1896 ein griechischer Schafhirte. Als Spyridon Louis in das ovale Rund des Athener Stadions einläuft, sind 70000 Hellenen außer Rand und Band. Selbst die königlichen Prinzen hält es nicht mehr in ihrer Loge: Sie begleiten den Läufer auf den letzten Metern. Die Begeisterung ist grenzenlos. Auf den Rängen wird getobt, die Nationalhymne wird angestimmt, griechische Fahnen werden geschwenkt.

Bei den 28. Olympischen Spielen, die vom 13. bis 29. August 2004 in Athen stattfinden, wird man wohl vergeblich auf den Sensationssieg eines Hirten warten. Doch die Griechen haben sich einiges einfallen lassen, um die Heimkehr der Spiele, auf die sie so lange gewartet haben, gebührend zu feiern. Der Fackellauf wurde globalisiert: Abertausende von Läufern tragen das olympische Feuer vom antiken Hain durch alle bisherigen Gastgeberstädte der Sommerspiele in das athenische Stadion. Der Kriegslärm soll verstummen: Griechische Diplomaten bemühen sich im Verein mit einer internationalen Stiftung, während des Großereignisses weltweit einen Waffenstillstand zu implementieren. Der Marathonlauf wird auf seiner ursprünglichen Strecke zurückgelegt: von der Ostküste Attikas, wo 490 vor Christus ein Heer aus Athenern und Plataiern die zahlenmäßig überlegenen Perser besiegte, führt der Weg nach Athen. Und zum ersten Mal in der Neuzeit wird ein sportlicher Wettkampf im antiken Stadion von Olympia ausgetragen: das Kugelstoßen der Männer und Frauen. Über die Bedenken der Archäologen, die irreparable Zerstörungen auf dem Grabungsgelände fürchten, setzt man sich großzügig hinweg, denn der dopinganfällige Kraftsport biete, folgt man der offiziellen Lesart, eine hervorragende Gelegenheit, "um einem internationalen Publikum die Reinheit und den Reiz sportlicher Wettkämpfe in heiligen Stätten zu zeigen".

Das Bild, das Sportfunktionäre und Regierungsvertreter einmal mehr von den antiken Spielen zeichnen, hat nichts mit der geschichtlichen Wirklichkeit zu tun. Deshalb ist es zu begrüßen, dass rechtzeitig zu den Athener Spielen von 2004 gleich mehrere, durchweg informative und reich bebilderte Darstellungen auf dem deutschen Buchmarkt verfügbar sind, deren Verfasser einer breiten Öffentlichkeit die Ergebnisse altertumswissenschaftlicher Forschungen über Kult, Sport und Fest vermitteln wollen. Der Würzburger Archäologe und Ausgräber von Olympia, Ulrich Sinn, schildert in einer gut lesbaren Einführung das sportliche Geschehen als integralen Bestandteil der Götterverehrung, beschreibt das "große Fest" der Spiele und stellt berühmte Athleten vor. Der Journalist und Archäologe Michael Sieber erzählt ausführlich die Geschichte der Wiederentdeckung des antiken Olympia und spürt der Verbindung von Religion, Politik und Sport im Altertum nach. Die Mannheimer Althistorikerin Rosmarie Günther, die sich der Führung des antiken Reiseleiters Pausanias anvertraut, nimmt den Leser mit auf ihren Rundgang durch das sakrale Zentrum und erinnert an die weniger bekannte "weibliche Seite" Olympias. Schließlich hat der Verlag Philipp Reclam die konzise Einführung aus der Feder der britischen Wissenschaftlerin Judith Swaddling ins Deutsche übersetzen lassen.

Frauen durften an den Wettkämpfen nicht teilnehmen

Schon ein kurzer Blick in die Bücher genügt, um alte Klischees und neue Konstrukte zu zerstören. Das olympische Feuer, das heute werbewirksam herumgereicht wird, brannte ursprünglich Tag und Nacht auf dem Altar der Göttin Hestia; von ihrem Herd aus wurden die Flammen auf den anderen Altären der heiligen Stätte entzündet. Der Waffenstillstand, einst von den Griechen ekecheiria genannt (wörtlich: "wo man die Hand zurückhält"), war mitnichten ein Spezifikum des olympischen Kultfestes, sondern eine Sakralnorm aller griechischen Heiligtümer, in denen Spiele stattfanden. Das Verbot der Kampfhandlungen bezog sich auf das Gebiet des Stadtstaates, dem das Heiligtum jeweils zugerechnet wurde; zudem sollte den Festbesuchern die sichere Anreise ermöglicht werden. Marathonlauf und Kugelstoßen waren im Altertum keine olympischen Disziplinen; und Frauen durften an den Wettkämpfen nicht teilnehmen. Dem Sieger des diesjährigen Marathonlaufs wünscht man ohnehin ein anderes Ende als seinem antiken Vorbild: Der athenische Hoplit brach, kaum hatte er die Nachricht vom Sieg über die Perser in Athen verkündet, tot zusammen.

Alle vier Autoren vermitteln ein lebendiges Bild der Olympischen Spiele im Altertum. Festgott des bedeutendsten panhellenischen Agons war Zeus, der höchste Gott der Griechen. Im zweiten Viertel des 5. Jahrhunderts vor Christus wurde ihm ein großer Tempel errichtet, in dem der Bildhauer Phidias eine riesige Zeus-Statue errichtete, die zu den sieben Weltwundern der Antike zählte. Die Historizität der olympischen Gründungsgeschichte und des bereits antik überlieferten Gründungsdatums 776 vor Christus ist indes in der Forschung kontrovers; die Siegerlisten, die mit diesem Jahr einsetzen, sind erst Jahrhunderte später zusammengeschrieben worden. Grabungen legen die Vermutung nahe, dass nicht vor dem 7. Jahrhundert vor Christus größere Besucherströme nach Olympia kamen. Die mit dem heidnischen Kult eng verbundenen Spiele wurden nicht 393 nach Christus vom allerchristlichsten Kaiser Theodosius I. verboten, sondern erst in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts nach Christus durch Theodosius II.; offenbar wurden Spiele aber noch bis in das 6. Jahrhundert nach Christus hinein veranstaltet.

Griechen-Begeisterung und archäologische Forschungen

Ursprünglich eine Orakelstätte, wurde Olympia spätestens seit dem 6. Jahrhundert vor Christus zum Austragungsort von Wettkämpfen, die Athleten, Zuschauer und Festgesandtschaften aus der Peloponnes und bald aus der ganzen griechischen Welt anzogen. Während des Festes, das zunächst nur einen Tag, dann drei und im 5. Jahrhundert vor Christus schließlich fünf Tage dauerte, wurde ein Programm absolviert, das aus den Pferde- und Wagenrennen im Hippodrom und den gymnischen Disziplinen im Stadion bestand. Zu Letzteren zählten verschiedene Laufdisziplinen, das Ringen, der Faustkampf, das Pankration ("Allkampf") und das Pentathlon ("Fünfkampf"), das Diskuswerfen, Weitspringen, Speerwerfen, Stadionlauf und Ringen umfasste.