"Denken wie der Wald" – Adalbert Stifters im böhmischen Hochwald gewonnene spätromantische Maxime wird in Zeiten des Kyoto-Protokolls wieder hochaktuell. Das Menetekel "›Waldsterben" hat ein neues ganzheitlich-ökologisches Denken mobilisiert. Bis ins politische System, so zeigt sich jetzt, ist es jedoch kaum durchgedrungen. Zwar stellt Renate Künast gerade ein inspiriertes "Waldprogramm" zur Diskussion. Aber gleichzeitig schaffen die (vorgeblich) Konservativen in Hessen und Bayern harte Fakten. Die dortigen Forstämter werden nach dem Muster von Aktiengesellschaften verschlankt. Das Prinzip "Hauptsache schwarze Zahlen" presst den Wald in den Rahmen einer Ökonomie, die ganz auf das Kurzfristige ausgerichtet ist. So beschleunigt es den Untergang eines Faches, dessen Kompetenzen weltweit dringend gebraucht würden. Da kommt ein Text-Bild-Band über Die Zeit des Waldes gerade recht.

Der bayerische Forstmann Georg Meister, vor 25 Jahren einer der jungen Wilden, die das Siechtum unserer Wälder aufdeckten, und die Biologin Monika Offenberger sind die Autoren dieses hervorragend ausgestatteten Buches. Es schlägt in kurzen Kapiteln einen weiten Bogen: von der nacheiszeitlichen Wiederbewaldung bis zum Wald der Zukunft. Der aber könne nur ein naturnaher, stabiler Mischwald sein. Die nach wie vor dominierenden Nadelholz-Monokulturen, so prophezeien die Autoren, würden unter dem Stress des Klimawandels zusammenbrechen.

Das Buch lässt Waldbilder sprechen. Es sind meist kleine Serien von Fotos, am selben Standort im Abstand von zehn, zwanzig Jahren aufgenommen und ausführlich kommentiert. Sie erzählen vom Wunder der Naturverjüngung. Etwa von einer Windwurffläche des Jahres 1984, wo der Orkan ein Gewirr aus Wurzeltellern und Baumleichen hinterließ. 17 Jahre später: Pilze und Käfer zersetzen das Totholz zu Humus. Polster aus Torfmoos speichern Wasser. Der Anflug von Birke und Vogelbeere ist haushoch ausgewachsen. Eine Weißtanne schiebt sich empor. Die Sukzession entfaltet ihre Dynamik. Mit einer Fülle fein abgestimmter Strategien trifft der Wald seine Daseinsvorsorge.

Georg Meisters Zeitsprung-Bilder belegen aber auch die verheerende Wirkung eines künstlich hochgepäppelten Wildbestandes. Im Zusammenspiel mit den Schadstoffbelastungen aus der Luft gefährdet dieser existenziell die Regenerationskraft unserer Wälder. Es ist schon grotesk: Die Macht einer nostalgisch auf Wildhege und Trophäen fixierten Jagdlobby ist in Zeiten eines die Menschheit bedrohenden Klimawandels ungebrochen.

Die Zeit des Waldes ist ein leidenschaftliches Plädoyer für den naturgemäßen Umbau unseres Waldes. Auf eine echte Nachhaltigkeit aller seiner Funktionen sind wir in Zukunft mehr denn je angewiesen. Als Hüter des Klimas, des Wassers und der Biodiversität, als Produzent nachwachsender Rohstoffe und nicht zuletzt als Rückzugsraum für erschöpfte Städtebewohner.

Das eklatante Defizit an Humanität und an Respekt vor der Natur macht den Neoliberalismus zu einer derartig trostlosen Angelegenheit. Dieses Buch weckt Lust auf die Gestaltung einer entschieden grüneren und bunteren Zukunft. Weithin unbeachtet, sind in den letzten Jahren auf den verschiedensten Feldern präzise und kühne Leitbilder ausgereift. Diese ganzheitlichen Lösungen, und nicht die High-Tech-Kraftprotze der Automobilindustrie, zum Markenzeichen unseres Landes im 21. Jahrhundert zu machen – das wär’s doch!