Als ich in Nürnberg an der Richard-Wagner-Apotheke vorbeiging, fühlte ich mich so traurig und einsam, so sehr jenseits der Liebe (hinzu kam das Bewusstsein, dass es nur noch abwärts gehen konnte – ich hatte gerade Schande von John M. Coetzee gelesen, und mich erwartete ganz offensichtlich ein ähnliches Schicksal), dass mir plötzlich eines klar wurde: Richard Wagners Musik – und auch eine andere Musik oder eine andere Kunstform – würde mir diesmal keine Erleichterung bringen. Die trostspendende Funktion der Kunst (die Kunst als "Quietiv"), die Schopenhauer so brillant beschrieben hat, hatte sich während meiner ganzen Jugend als unglaublich wirksam erwiesen. Das war nun vorbei: Weder die Literatur noch die Musik konnten mir helfen. Vermutlich waren die Probleme schwerwiegender oder gar unlösbar geworden.

Damit blieb mir nur noch die Möglichkeit, ein akademisches Ritual zu vollziehen (das ist heute so ziemlich die einzige Möglichkeit, Homer und selbst Goethe zu lesen), wobei ich mit Bedauern feststellen musste, dass ich mich zu verbraucht und erschöpft fühlte, um meinem Leben von der Kunst einen erneuten Anstoß geben zu lassen; aber immerhin besaß ich noch einen Sinn für gewisse Werte oder, um einen ziemlich unbeliebten Ausdruck zu verwenden, für das Niveau der Dinge, was mir zum Beispiel erlaubte, es gut zu finden, dass Lars von Trier letztlich darauf verzichtet hat, die Tetralogie zu inszenieren. Er hat zwar ein paar amüsante Filme gedreht, aber die haben wohl nicht ganz das gleiche Niveau. Was nicht heißen soll, dass die gegenwärtige Inszenierung Jürgen Flimms diese Anforderung erfüllt. Sie ist völlig unbedeutend, mehr lässt sich darüber kaum sagen; im Hinblick auf die Musik wirkt sie erstaunlich statisch und kleingeistig, sodass man manchmal den Eindruck hat, ein bürgerliches Drama vor sich zu haben – was für Wagner der Gipfel des Absurden ist. Hinzu kommt, dass wir bei epischen Stoffen durch den Film an ein gewisses Niveau gewöhnt sind, was spektakuläre Effekte angeht – vor allem seit dem Herrn der Ringe, der einen neuen Standard in seinem Genre geschaffen hat; und Wagners Dichtung erweckt in uns nun mal den Wunsch, Flüsse, Berge, Feuer, blumenübersäte Weiden und Dämmerungen zu sehen. Wenn Wagner noch lebte, würde er wahrscheinlich Filme drehen (eine Bemerkung, die ich gelegentlich auch über Shakespeare gemacht habe und die ein wenig demütigend für die heutigen Filmemacher ist: Es ist der reinste Hohn, dass sie mit den Mitteln, über die sie verfügen, solch dürftige Ergebnisse erzielen). Wenn man heute einen Film drehen wollte, der auf der Tetralogie basiert, schiene mir Peter Jackson trotz allem der geeignetste Regisseur zu sein. Er besitzt noch einen relativ unschuldigen Blick (auch wenn er etwas kommerziell, angelsächsisch und nicht sehr anspruchsvoll ist).

Doch überlassen wir den Film seinem traurigen Schicksal, und kommen wir auf die Musik zurück: Es mag sich seltsam anhören, wenn ich die Rockmusik, die einzige Musik, die für mich in meiner Jugend wirklich gezählt hat, als Quietiv bezeichne, aber wenn ich heute daran zurückdenke, habe ich den Eindruck, dass diese Musik nur deshalb das Leben und seine Freuden mit so viel Erfolg besingen konnte, weil sie mit der gleichen Intensität auch die schmerzhafte Seite des Lebens zum Ausdruck brachte. Wagner, so scheint mir, hatte unter anderem etwas Ähnliches im Sinn.

Ich weiß nicht, ob Lou Reed, über sein Verhältnis zu Bukowski befragt, tatsächlich erklärt hat: "Ich hasse das alte Schwein. Lassen Sie uns lieber über Dostojewskij reden, wenn wir uns über Literatur unterhalten wollen" – falls es jedoch zutrifft, hätte er auf jeden Fall damit ein für ihn erstaunlich feinsinniges Verständnis des Begriffs Niveau zum Ausdruck gebracht. Ich weiß ebenso wenig, ob der Satz "Wenn Wagner noch lebte, würde er mit Pink Floyd zusammenarbeiten", der Roger Waters zugeschrieben wird, authentisch ist oder nicht. Das schöpferische Potenzial der Rockkritik war in manchen Jahren, besonders in Frankreich, sehr stark (viel stärker als das der Literatur- oder Filmkritik). Was bliebe von MC5 ohne Philippe Manœuvres flammende Artikel? Und hätte die Punkwelle ohne Patrick Eudelines lyrisches Feuerwerk einen solch nachhaltigen Einfluss gehabt? Es wäre absurd, von derart talentierten, erfindungsreichen Autoren eine hundertprozentig exakte Wiedergabe von Sachverhalten, Interviews und so weiter zu erwarten. Ihnen ging es darum, Mythen zu schaffen und Legenden zu erfinden, und das taten sie auch, in ähnlicher Weise wie Homer, wenn er den Trojanischen Krieg als Stoff für die Ilias verwendet. Eines Tages wird sich herausstellen, dass diese Autoren die besten französischen Schriftsteller der siebziger und achtziger Jahre waren.

Ob authentisch oder nicht, auf jeden Fall bezeugt dieser Satz Roger Waters’ witzigen Größenwahn (oder, genauer gesagt, den von der Rockkritik geschaffenen Mythos von Roger Waters), zugleich weist er auf eine Tendenz hin, die sich über mehrere Jahre hin in der Popmusik entwickelt hatte, ehe sie von primitiveren Strömungen weggefegt wurde. Es geht um den Willen, der Songstruktur und der Diktatur des Rhythmus zu entgehen (die Befreiung vom Rhythmus hatte Beethoven natürlich schon 200 Jahre zuvor in seinen Symphonien vollzogen, aber um der Rockmusik gerecht zu werden, muss man bedenken, woher sie kommt und welchen Weg sie in gut zehn Jahren zurückgelegt hat); es geht um den Willen, immer mehr visuelle Elemente in die Konzerte einzubauen und den Songtexten einen anderen Status zu verleihen (weniger narrative und kürzere Texte, die im Wesentlichen darauf abzielen, eine lyrische Atmosphäre zu schaffen). In einem Wort, um den Willen, eine totale Kunst zu schaffen.

Allerdings hat man, wenn man den Namen Roger Waters mit dem von Richard Wagner in einem Atemzug nennt, auch hier das Gefühl unterschiedlicher Niveaus. Das ist nicht ganz so augenfällig wie im Fall von Lars von Trier, außerdem war Pink Floyd eine Gruppe, die es verdient, dass man sie wieder hört und neu bewertet; es ist jedoch eindeutig, dass weder sie noch sonst eine der (zu jener Zeit zahlreichen) deutschen Gruppen progressiver Rockmusik – von Wagner ganz zu schweigen – es geschafft haben, die Freiheit von Philip Glass oder einem der anderen akademischen Komponisten repetitiver Musik zu erreichen. Kurz gesagt, das kommerzielle Element hat schließlich gesiegt. Der volkstümlichen Kultur anzugehören hat große Vorteile, bringt aber auch gewisse Beschränkungen mit sich, was Roger Waters zwangsläufig feststellen musste. Das alles ist inzwischen verschwunden, und die Gruppen progressiver Rockmusik, deren Musik als zu schwierig angesehen wurde, sind zunächst von der Punkwelle und nach ein paar uninteressanten Varianten von der Technomusik abgelöst worden, die weit davon entfernt ist, eine totale Kunst schaffen zu wollen.

Die Musik der Zukunft wird also nicht Wagners Musik sein – auch nicht die von Pink Floyd. Das menschliche Drama in seiner Gesamtheit hat wenig Chancen, in neuer Form dargestellt zu werden, und alles wird mehr und mehr nach dem Motto " Have fun or die" verlaufen. Da wir in einer vereinfachten Welt leben, werden wir auch eine vereinfachte Kunst haben. Als ich noch jung war, begegnete ich manchmal bei Wagner-Aufführungen oder an Orten, wo Wagner in Ehren gehalten wird (wie etwa in Venedig), einigen zumeist unsympathischen jungen Leuten. Sie hatten blasse Gesichter, und ihre Kleidung nahm vorweg, was sich später die Anhänger der Gothic-Bewegung zu Eigen machten (und im Fall von Venedig die Gothic-Dandys). Sie erweckten den Eindruck, als sähen sie die Menschheit als verachtenswertes Ungeziefer an – was ja durchaus zutreffen mag, nur schienen sie sich selbst ohne erkennbaren Grund davon auszuschließen. All das ist verschwunden, wie ich mit Genugtuung sagen kann. Mehrere Bekannte, die gehört hatten, dass ich nach Bayreuth fahren wollte, hatten mich gewarnt, dass ich dort auf eine Art Sekte stoßen würde. Ich habe nichts dergleichen beobachtet. Das Stammpublikum besteht zum großen Teil aus Musikliebhabern mittleren Alters (aber es sind dort auch Menschen aller anderen Altersgruppen anzutreffen), zumeist gut gekleidet (aber auch das nicht in übertriebener Weise, der Dress-Code ist längst nicht so streng wie bei einem Rap-Konzert). Man könnte sich durchaus vorstellen, ihnen bei einem Konzertzyklus zu begegnen, der Schubert oder Mahler gewidmet ist.