Im Rosenkavalier von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal weiß man nie so genau, ob der traurige Abschied vom untergehenden Habsburger Reich gefeiert wird oder die rauschende Wiederankunft im "Damals". Es bleibt offen, ob die Verluste einer Epoche bilanziert werden oder ob die gute alte Zeit im Uraufführungsjahr 1911, als die Stürme der Moderne schon empfindlich aufbrausten, noch einmal als zuckriges Rokoko-Luftschloss herbeigeträumt wird. Die Musik, schillernd zwischen Süße, Rausch und Bitternis, schwebt generös über alle Eindeutigkeit hinweg.

Wie ernüchternd es im Rosenkavalier zugehen kann, wenn man ihn als Endspiel auf die Bühne bringt, hat einst Ruth Berghaus in Frankfurt vorgeführt: Der letzte Akt spielte wie im Film Der dritte Mann in der Wiener Kanalisation. Bei Peter Konwitschny in Hamburg hatte die Marschallin schon früh die Schlaftabletten für einen Selbstmordversuch in der Hand, und die Liebe der jungen Leut’ gefror am Ende zu Eis. Bei den Salzburger Festspielen sehnt sich die Gemeinde natürlich nach dem herzerwärmenden Vergangenheitszauber. Sie will "die geahnte Nähe zum großen Hof" spüren, von der Hofmannsthal in seinem Geleitwort spricht. Der Rosenkavalier gehört in Salzburg von jeher zu den liebsten Opern-Pralinenschachteln, und wehe dem, der das Konfekt nicht nach altem, maria-theresianischem Rezept zu verzieren versteht. So hat auch heuer der Festspielchef Peter Ruzicka gar nicht erst versucht, dem Protz, den der Salzburger Kunst-Geldadel bei jeder Rosenkavalier- Premiere besonders demonstrativ als Erwartungshaltung ins Festspielhaus trägt, einen eisernen Willen zur Kunstanstrengung entgegenzustellen. Er lässt auf der Bühne routiniert mit gleicher Münze zurückzahlen.

In Robert Carsens Inszenierung treten die Lakaien im Hause des neureichen Herrn von Faninal gleich hundertspännig auf. Im Lever der Marschallin trippeln echte, frisch geföhnte Rassehunde durchs rotplüschige Ambiente. Zur Überreichung der silbernen Rose kleppert, während die Musik sich in schier überirdische Sphären aufschwingt, Octavian auf einem weißen Theatergaul herein. Es ist ein Abend der polierten Offiziersknöpfe und der anmutig durchs Bild getragenen Hutschachteln. Die Melancholie der Marschallin ist nur eine Luxusstimmung, die am Ende mit ihrem sentimentalen "Ja, ja"-Seufzer folgenlos aus der Welt geschafft ist. Dass diese Gesellschaft von Krieg und Untergang bedroht ist, soll man vor allem daran erkennen, dass die Faninalsche Offiziersentourage goldblitzende Geschützsprengköpfe in den Händen wiegt.

Ein klein wenig Skandal gehört freilich auch zum gehobenen Amüsement. Deshalb spielt der letzte Akt im Puff. Die Edelhuren waschen sich dekorativ im Schritt, und der Ochs auf Lerchenau wird von barbusigen Schönheiten so erschreckt, dass ihm Liebes- und Lebenslust abhanden kommen. So löst sich dieser Rosenkavalier szenisch in einem großen Nichts auf, treudumm wie der Hundeblick der shampoonierten Afghanen im ersten Akt und so scharfsinnig wie das Monokel, dass sich Baron Ochs ab und an vors Auge klemmt.

Wie raffiniert und subversiv die Sinne betörend nehmen sich im Vergleich dazu doch die verzitterten Spiegelkabinette aus, in denen Herbert Wernicke das Stück in der Ära Mortier auf die Salzburger Bühne brachte. Zumal auch die Sänger in Carsens Regiearbeit seltsam verloren wirkten. Franz Hawlata blieb als Ochs farblos wie die landsergrauen Uniformen seiner Diener. Angelika Kirchschlagers Octavian verlor sich leidenschaftsarm in der Weite des fürstlichen Schlafzimmers, nur die Adrianne Pieczonka sang als Marschallin ihren Monolog im ersten Akt mit einem Nuancenreichtum, hinter dem Semyon Bychkow am Dirigentenpult weit zurückbleibt. Als habe man ihm die silberne Rose gestohlen, stürzt er sich, hastig und vergeblich nach der rechten Klangbalance suchend, in das Stück. Manchmal klingen seine dramatischen Aufschwünge wie Haubitzeneinschläge, dann wieder lässt er die Wiener Philharmoniker mit verheultem Sentiment antriebslos vor sich hin spielen. Ein Tropfen persischen Rosenöls, erklärt Octavian, bringe die künstliche silberne Rose zum Duften. Von solchem Raffinement hat der Effektmacher Bychkow keine Ahnung.