Ach Afrika! Dieser Stoßseufzer entfährt so manchem Spezialisten. Denn die gegenwärtigen Probleme des Kontinents scheinen zu kompliziert, als dass sie dem Publikum noch vermittelt werden könnten. Und die Mär von der Geschichtslosigkeit oder zumindest historischen Irrelevanz Afrikas feiert immer wieder fröhliche Urständ – beileibe nicht nur in den Medien, sondern auch unter Wissenschaftlern, die es eigentlich besser wissen sollten. Der seit einigen Jahren in Südafrika lebende deutsch-niederländische Schriftsteller Lutz van Dijk lässt sich von diesen ungünstigen Rahmenbedingungen nicht beeindrucken. Mit dem Mut zur Lücke durchschreitet er die lange Historie Afrikas. Afrikas Beziehungen zum Rest der Welt, so vermittelt sein engagiertes und gut illustriertes Buch, waren häufig schmerzlich und tragisch. Afrikaner hatten zudem keine gleichwertige Stimme bei der Festlegung vermeintlich universeller Werte. Ihre Stimme war dennoch unerlässlich und prägend.

Jüngere Forschungen haben es noch einmal nachdrücklich unterstrichen: Die Wiege der Menschheit stand aller Wahrscheinlichkeit nach in Afrika. Van Dijk gibt zunächst einen gerafften Überblick zu den frühen Phasen der Menschheitsentwicklung. Im Anschluss skizziert er die ersten afrikanischen Zivilisationen in Ägypten und Nubien, die wissenschaftlich umstrittene Wanderung der so genannten Bantu-Völker, die Geschichte der großen Reiche Ghana, Mali und Simbabwe sowie die frühe Ausbreitung des Christentums.

Afrikas Unterdrückung durch europäische Mächte lässt er mit der Ankunft der Portugiesen in Westafrika im späten 15. Jahrhundert einsetzen. Den katastrophalen Wendepunkt markierte jedoch der transatlantische Sklavenhandel. "In kürzester Zeit", schreibt van Dijk, "bildete sich eine Mafia europäischer, afrikanischer und arabischer Händler, die mit unglaublicher Menschenverachtung ein völlig neues Verständnis von Sklaven einführten. Es ging nur noch … um eine Ware, die möglichst gewinnträchtig zu fangen, zu transportieren und zu verkaufen war."

Inwieweit die Verheerungen des Sklavenhandels für die heutigen Krisen in Afrika verantwortlich gemacht werden können, ist umstritten. Kontrovers diskutiert wird auch die Frage, welche Folgen die europäische Kolonialherrschaft für den Kontinent hatte. Van Dijk behandelt die Periode des Kolonialismus vergleichsweise kurz. Ausführlich geht er jedoch auf den großen Kolonialkrieg im damaligen Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, ein, der sich Anfang dieses Jahres zum 100. Male jährte. Van Dijk folgt hier jüngeren Interpretationen und bezeichnet den Vernichtungskrieg der Deutschen gegen die Herero und Nama unumwunden als Völkermord.

Die beiden Weltkriege spielten, so der Autor, eine wichtige Rolle für das Ende der Kolonialherrschaft in Afrika. Denn viele Afrikaner mussten in den Armeen ihrer Kolonialmächte kämpfen. Und die Soldaten nahmen kritisch wahr, dass sie zur Verteidigung von Werten eingesetzt wurden, welche die Kolonialherren in Afrika selbst mit Füßen traten. Der Weg in die Freiheit endete jedoch mit zahlreichen Enttäuschungen. Die Abhängigkeit von den Industrienationen blieb auch nach dem Ende der formalen Kolonialherrschaft bestehen. Machtgierige Despoten stürzten viele Länder bald in diverse ökonomische und politische Krisen. Hinzu kommen seit einiger Zeit die durch Aids ausgelösten Verwerfungen. In Afrika sterben derzeit täglich mehr als 6000 Menschen an den Folgen der Krankheit, zum größten Teil Kinder und junge Leute unter 35. Van Dijks eindringliche Betrachtungen zu dieser Thematik gehören zu den besten Passagen des Buches. Es ist eine Stärke des Buches, dass Afrikanerinnen und Afrikaner häufig selbst zu Wort kommen.

Zuweilen springt der Autor in seiner Darstellung arg assoziativ hin und her und verliert – und mit ihm der Leser – den roten Faden. Allzu positiv ist seine Charakterisierung einiger afrikanischer Politiker ausgefallen, etwa von Léopold Sédar Senghor, dem Dichter der Négritude und späteren Präsidenten Senegals. Oder von Julius Nyerere, dem ehemaligen tansanischen Staatsoberhaupt und Promotor eines "afrikanischen Sozialismus", dem in den sechziger und siebziger Jahren die Herzen der europäischen Linken zuflogen. Zu diesen Männern zeichnet die Forschung inzwischen ein weitaus kritischeres Bild.

Van Dijks Geschichte Afrikas richtet sich, obwohl er es nicht ausdrücklich vermerkt, vornehmlich an eine jugendliche Leserschaft. Man kann nur wünschen, dass sie zahlreiche Leser nicht allein in dieser Altersgruppe findet. Und dass sie zum Weiterlesen über den Kontinent anregt.