Der Monat August ist ein Schlüsseldatum in unserer Verfolgungsgeschichte. In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 erstickten die Nationalsozialisten die letzten etwa 2900 in Auschwitz-Birkenau eingesperrten Sinti und Roma, die bis dahin überlebt hatten, in den Gaskammern.

Das zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in Berlin eingerichtete "Reichssicherheitshauptamt", die eigentliche Zentrale des SS-Staates, war federführend bei jener "endgültigen Lösung der Zigeunerfrage". Himmler hatte die Auslöschung schon in seinem Erlass vom 8. Dezember 1938 als politisches Ziel formuliert. Grundlage dieser "Rassenpolitik" war nicht allein ein mörderischer Antisemitismus, sondern auch das biologisch begründete Feindbild vom "Zigeuner". Wie die Juden wurden auch die Sinti und Roma im Zuge der Nürnberger Gesetzgebung als "fremdrassig" beziehungsweise "fremdblütig" definiert und systematisch entrechtet.

Schon vor dem Krieg waren Hunderte Sinti und Roma in Konzentrationslagern inhaftiert worden. Als die SS-Führung nach der Besetzung Polens damit begann, ihre rassenpolitischen Zielsetzungen umzusetzen, stand von Anfang an fest, dass alle deutschen Sinti und Roma gemeinsam mit den Juden in das neu eingerichtete "Generalgouvernement" deportiert werden sollten. Der Vorbereitung der Deportationen diente Himmlers so genannter Festsetzungserlass vom 17. Oktober 1939. Danach durften alle Sinti und Roma unter Androhung von KZ-Haft ihren Wohnsitz nicht verlassen. Ein halbes Jahr später fuhren auf Befehl Himmlers die ersten Deportationszüge mit Sinti- und Roma-Familien in das "Generalgouvernement" Polen. Für die meisten Männer, Frauen und Kinder war es eine Fahrt in den Tod: Sie erlagen in Zwangsarbeitslagern und Ghettos den unmenschlichen Lebensbedingungen oder wurden von Exekutionskommandos erschossen.

Sinti und Roma gehörten zu den ersten Opfern der fabrikmäßigen Massentötung in den neu errichteten Vernichtungslagern im besetzten Polen. Wenige Wochen nachdem die Deportation der Juden aus dem Reichsgebieten begonnen hatte, wurden im November 1941 etwa 5000 Sinti und Roma aus Österreich – ein großer Teil Kinder und Jugendliche – in das Ghetto Lodz verschleppt. Dort richtete man innerhalb des jüdischen Ghettos ein "Zigeunerlager" ein. Verantwortlich für die Organisation der "Zigeunertransporte" war Adolf Eichmann. Im Januar 1942 brachten die Nationalsozialisten die Insassen des "Zigeunerlagers" Lodz, die bis dahin überlebt hatten, in das Vernichtungslager Chelmno. Unmittelbar nach ihrer Ankunft wurden sie in Gaswagen erstickt.

Auf der Grundlage von Himmlers Deportationsbefehl vom 16. Dezember 1942 kamen schließlich ab Februar 1943 etwa 23000 Sinti und Roma aus elf Ländern Europas, darunter rund 10000 deutsche Sinti und Roma aus dem damaligen Reichsgebiet, in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

Die mehrtägige Zugfahrt war ein Martyrium. Eine Überlebende berichtete: "Die Waggons wurden von außen verriegelt, wir waren gefangen und abgeschnitten von dieser Welt. Die Züge fuhren an, die Waggons überfüllt von Menschen, Familien mit ihren Kindern und Kleinstkindern. Die Luft hier drin war drückend und schwer zum Atmen. Das Schreien der Masse war unerträglich. Viele der alten Menschen und Kleinkinder überlebten den Transport nicht; tagelang lagen die Toten zwischen uns." Die Augenzeugin, Barbara Adler, war nicht einmal 17 Jahre alt, als man sie nach Auschwitz-Birkenau verschleppte. Für fast alle der dort inhaftierten Sinti und Roma, sehr viele waren Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren, begann hier die letzte Station ihrer Leidensgeschichte. Bereits wenige Wochen nach dem Eintreffen der ersten Sinti- und Roma-Familien in Auschwitz-Birkenau unternahm die SS im März und im Mai 1943 zwei große Vergasungsaktionen.

Misshandlungen und Folter, schwerste Zwangsarbeit bei völlig unzureichender Ernährung und katastrophale hygienische Bedingungen bestimmten den Lageralltag. Die Menschen mussten mit ansehen, wie ihre Familienangehörigen erschlagen oder erschossen wurden, wie sie verhungerten oder Krankheiten wie Flecktyphus erlagen. Elisabeth Guttenberger, die damals als Lagerschreiberin die Sterbemeldungen eintragen musste, berichtete: "Zuerst starben die Kinder. Tag und Nacht weinten sie nach Brot. Sie sind alle sehr bald verhungert. Auch die Kinder, die in Auschwitz zur Welt gebracht wurden, haben nicht lange gelebt. Das einzige, worum sich die SS bei den Neugeborenen gekümmert hat, war, dass sie ordnungsgemäß tätowiert wurden. Die meisten starben wenige Tage nach der Geburt."