Zugegeben: Verzicht anzuraten fällt denen am leichtesten, die selber nichts aufgeben müssen. Aber wenn Erika Steinbach anbietet, die aus den ehemals deutschen Ostgebieten Vertriebenen (oder meistens: deren hierzulande geborenen Nachkommen) seien bereit, auf ihre materiellen Ansprüche zu verzichten, dann darf man doch zuvor das Kleingedruckte und die Pferdefüße genauer ansehen.

Wenn der Kanzler den Polen schon Ruhe verschaffen wolle ..., so leitet Frau Steinbach ihr Angebot ein. Will denn sie den Polen, der von den Deutschen wie von den Russen gleichermaßen (und zwischen 1939 und 1945 ja nicht zum ersten Mal) überfallenen Nation diese Ruhe nicht gönnen? Zudem solle der Kanzler durch ein förmliches Gesetz den Polen diesen Verzicht bescheinigen. Wie soll das gehen? Der Gesetzgeber beschließt einen Verzicht, anerkennt also zwingend vor deren Aufgabe erst einmal das Bestehen von Ansprüchen - und dann klagen Vertriebene gegen die Bundesrepublik wegen des Verzichts? Das Entscheidende an einem Verzicht ist dies: Man muss schon verzichten wollen.

Solange Bereitschaft dazu nicht von innen heraus wächst, bleiben die Politiker rat- und die Juristen machtlos. Und die Polen, endlich im Frieden befreit, ruhelos. Der Rechtskundige kennt das Ersitzen von Ansprüchen - im Grunde ist dies ein etwas irreguläres Instrument zur Herstellung des Rechtsfriedens. Der Geschichtskundige kennt das Verblassen von Forderungen - auch dies im Dienste des Friedens. Das Paradox am Verzicht ist: Man muss ihn leisten, solange man noch ein bisschen aufzugeben hat. Sonst gibt es keinen Frieden.