Madrid

Vielleicht hätte der Untersuchungsausschuss über Hintergründe und Folgen des Madrider Attentats vom 11. März – drei Tage vor der Parlamentswahl – eine seriöse Veranstaltung werden können. Aber vermutlich war das zu viel verlangt. Nach einer Wahl mit sensationellem Ausgang, bei der sich Triumph auf der einen und Schock auf der anderen Seite die Waage halten, gelassen über Ursachen und Wirkung, gar über Wahrheit und Moral zu diskutieren, ist nahezu unmöglich.

Die 11.-März-Kommission der Cortes in Madrid ist Spaniens "Lügenausschuss" – eine parlamentarische Farce, die sich das Land besser erspart hätte. Die Bilanz nach dem Höhepunkt der Anhörungen Ende Juli ist dürftig, der Erkenntniswert entsprechend schlicht: Nach den morgendlichen Sprengstoffattentaten in vier Madrider Bahnhöfen wurden in Spanien die Tatsachen in erster Linie verschleiert, manipuliert und korrigiert, ja, wenn man den Ausschussdebatten folgt, wurde rundum vor allem gelogen. Somit gehörte zu den Opfern des Terrors neben den 192 Toten und über tausend Verletzten offenkundig auch die Wahrheit über die Tat, die Ermittlungen und die öffentliche Behandlung des Massakers in jenen Tagen vor der Wahl des 14. März. Und wenn die Streitenden im Ausschuss – die sozialistischen Wahlsieger und die konservativen Wahlverlierer – in einem Punkt einig waren, dann darin: Die Lügner, das waren die anderen.

Rauflustige Sozialisten grillen Aznars Innenminister

Manche hielten das Unternehmen von Anfang an für keine gute Idee. Der neue Ministerpräsident, José Luis Zapatero, ein Mann mit idealistischen Neigungen, mag noch am ehesten gedacht haben, hier könnten mit einigem guten Willen Gräben der Wahlnacht zugeschüttet werden. Der 44 Jahre junge Leoneser wird es inzwischen besser wissen. Mariano Rajoy hingegen, der neue Oppositionsführer, ein konservativer Pragmatiker mit Sinn für Ironie, hatte von vornherein gesagt, dass die Veranstaltung ein Witz sei. Freilich, seine Volkspartei (PP), für die er ja die Erbschaft von José María Aznar hatte antreten sollen, wollte sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, der Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE) nachzuweisen, dass sie nur wegen des Attentats den Wahlsieg davontrug. Doch das zu beweisen ist schwer – weshalb die PP denn auch ihre härtesten Kämpfer für den Ausschuss nominierte. Wahrheit? Ansichtssache.

Das wissen auch die Sozialisten, die länger im Geschäft sind, als "José Luis", der allzeit freundliche Regierungs- und Parteichef der Sozialisten. Auch sie entsandten rauflustige Veteranen in die 11.-März-Kommission, die dort Aznars einstige Minister für Inneres, Äußeres und Kommunikation stundenlang grillten. Mit Ausdauer und Fleiß bohrten sie an den Schwachstellen der ehedem Regierenden herum, besonders an der Frage, warum diese bis zum Wahltag dem Volk weiszumachen versucht hatten, die Bomben seien von der Eta gezündet worden und nicht von islamistischen Extremisten. Auch fragten die Sozialisten beharrlich nach den Versuchen vor allem des Ministerpräsidenten Aznar und seines Innenministers Ángel Acebes, die Medien auf die Eta-Version einzuschwören, dies zu einem Zeitpunkt, zu dem die Polizei den Journalisten längst gesteckt hatte, dass sie inzwischen mit Vorrang eine Spur "nach Süden" verfolge.

Noch immer geistert die These herum, Eta habe die Bomben gelegt