Anatolij Karpow hat im Laufe seines jetzt immerhin schon 53-jährigen Lebens viele Höhen und Tiefen erlebt. Viele Jahre gab er beim Karussell der Schachweltmeisterschaften den Ton an. Dabei schien er ursprünglich den Marschallstab nicht im Tornister zu tragen. Er war ein schmächtiges, kränkelndes Kind. So sagte der beleibte sowjetische Großmeister Gufeld vom damals bereits erfolgreichen 14-Jährigen: "Dieser kleine Junge wird nie Großmeister. Er ist zu dünn." Doch dieser kleine Junge war schon durch eine schwere Schule von Härte gegangen, als beispielsweise sein Vater androhte, nicht mehr mit ihm zu spielen, wenn er nach einer Niederlage weinte.

Solche Lektionen prägten ihn für sein Leben, sodass später Boris Spasskij über ihn sagen sollte: "Trotz seiner schwächlichen Erscheinung ist Karpow innerlich ein Tiger." Einer, der hinter seinem Pokerface nie seine wahren Gefühle zeigen und alles aus eigener Kraft schaffen will. Er hatte tiefe, ja demütigende Einbrüche, doch er erstand immer wieder wie Phönix aus der Asche. Und er ist, im Gegensatz zu Kasparow, ungleich verbindlicher und kommunikativer.

So widerfuhr ihm auch die Ehre, dass bereits zu Lebzeiten Turniere nach ihm benannt werden. Schon zum fünften Mal wurde im sibirischen Poikowskij das Karpow-Turnier ausgetragen. Und all die, die daran teilnehmen, kennen den Toast "Für den größten Schachweltmeister Anatolij Jewgeniwitsch Karpow". Wie das Fachmagazin New in Chess schreibt, kommen in Sibirien die Liebe zum Schach und die Liebe zu Anatolij Karpow fast aufs Gleiche heraus. Insofern ist es kein Wunder, dass bei der Eröffnung des Turniers der Gouverneur der Region versehentlich von Anatolij Jewgeniwitsch Schachmatow … pardon, Karpow sprach. Es gibt sogar ein Lied, dessen zweite Strophe lautet: "Das Turnier von Anatolij in Poikowskij, unserer Heimat, wird immer in Erinnerung bleiben, und in Zukunft werden unsere Enkel und Urenkel ihre Gläser heben, um dem Turnier von Anatolij ›Adieu‹ zu sagen!"

Vielleicht kein Juwel der Liedkunst, aber ein Juwel der Schachkunst gelang bei diesem Turnier dem russischen Großmeister Zwjaginzew. Sehen Sie, wie er als Schwarzer mit einem fantastischen Zug ein Matt in wenigen Zügen gegen Malachow erzwang?

Helmut Pfleger

Auflösung aus Nr. 33:

Mit welch feiner Opferkombination gewann Schwarz am Zug trotz seines Turms weniger? Mit dem Läuferopfer 1…Lxa2+! schlug es beim weißen König ein. Nach dem erzwungenen Schlagen 2.Txa2 (auf 2.Ka1? gewinnt 2…Lc4+ 3.Kb1 Ld3+! 4.Txd3 Tc1 matt) folgte 2…Db3+ 3.Tb2 Dxd1+ 4.Ka2 Dd5+! 5.Tb3 (auch 5.Kb1 Dxf5+ 6.Ka2 Dxa5+ verliert) Tc2+ 6.Ka1 Dxa5+ und Weiß gab wegen unabwendbaren Matts auf