Da dreht sie ihre Runden in einem Stadion, draußen vor Saloniki, und in ihrem Rücken pendelt das lange Haar, von links nach rechts, von rechts nach links. Dieses Haar ist braun und dicht, auf Lesbos hat ihm ein Friseur ein paar blonde Strähnen verpasst, und es wird von einem farbigen Stoffband zusammengehalten. Jetzt nähert sie sich der Tribüne, es ist ein heißer Morgen, sie schwitzt, missmutig trabt sie daher, die doch immer für ein Späßchen zu haben ist, aber es ist ja auch eine Zumutung, eine Sprinterin auf eine so lange Reise zu schicken, fünfmal die volle Stadionrunde. Robina Muqimyar ist eine Spezialistin für kurze Strecken, quickfröhlich, von einem Temperament, das sich in Sekundenschnelle austoben und nicht über Kilometer hinwegquälen will. Siebzehn ist Robina, das Maskottchen der afghanischen Olympia-Delegation, zwei Sprinter, eine Judoka, ein Ringer und ein Boxer, und sie ist die Fahnenträgerin der Mannschaft. Und weil Afghanistan im Alphabet die 202 Nationalteams der 28. Olympischen Sommerspiele anführt, betritt am 13. August 2004 Robina Muqimyar, das Mädchen aus Kabul, als Erste das Olympiastadion von Athen, an der Spitze von 10500 Athleten, beschützt von 70000 Sicherheitsleuten, betrachtet von mehr als einer Milliarde Fernsehzuschauern.

Und jetzt übt Robina den Start. Sie trägt ein luftiges T-Shirt, rote, eng anliegende Sprinterhosen und rot-weiß-schwarze Nagelschuhe. Sie kauert in die Startblöcke, hebt den Hintern, der Coach gibt das Startsignal, fast sieht es aus, als falle sie hin, aber dann fängt sie sich auf und beschleunigt ansehnlich.

Und dann schlendert sie zurück, jene dunkle Verachtung in den Augen, welche die Schnellsten dieser Welt jeder Erdenschwere entgegenhalten. Robinas kleine Ohren stehen ab wie die Henkel eines Tonkruges, das gibt ihrem Gesicht etwas Vorwitziges, doch jetzt zeigt sie ernst auf den elastischen roten Tartanboden und sagt etwas in Farsi, ihrer Muttersprache. Zoi Livaditou, ihre griechische Betreuerin, übersetzt. "Sie sagt, in Kabul ist die Bahn aus Zement. Startblöcke gibt es keine." Sie fügt hinzu: "Den Start muss sie noch lernen."

Unterdessen dreht Badir Ahmad Rahmati, der Ringer im Team, seine Runden, langsamer als Robina, dafür schleppt er seinen Trainer auf dem Rücken. Er muss bis zum Olympiabeginn noch fünf Kilo abschwitzen. Freba Reza, die Judokämpferin, trainiert in einem Keller des Stadions, verborgen vor den Blicken der Öffentlichkeit. Mangels geeigneter Gegnerinnen ist ein griechischer Sicherheitsbeamter ihr Trainingspartner, und es wäre nicht gut, wenn in Afghanistan plötzlich Bilder zu sehen wären, auf denen sie mit einem Mann zusammen Sport treibt. Das sagt Afghane Farouq Asefi, der in Japan studiert hat und als Übersetzer für ein japanisches Fernsehteam arbeitet. Die Fernsehleute begleiten den Trainer der Judokämpferin, einen japanischen Medaillengewinner von 1984, den die Regierung in Tokyo für zwei Monate zur Verfügung stellt.

Denn wie immer in der Geschichte Afghanistans ist das olympische Abenteuer ein Mehrkampf aus Sport, Politik und Wirtschaft. In Berlin 1936 nahm das Land zum ersten Mal an Olympischen Spielen teil. 1980, nach dem Einmarsch der russischen Truppen in Afghanistan, boykottierten die USA und Deutschland die Spiele von Moskau. 1999 wurde das Land aus dem Internationalen Olympischen Komitee ausgeschlossen, weil die talibanischen Gotteskrieger den Frauen jede sportliche Betätigung untersagten. Und jetzt feiert das IOC den neu gewonnenen Frieden im Land mit der Einladung von fünf Athleten nach Athen. Robina Muqimyar, die Sprinterin, und Freba Reza, die Judokämpferin, sind die ersten afghanischen Frauen, die an Olympischen Spielen teilnehmen.

"Die Olympischen Spiele", sagt Farouq Asefi, der das japanische Fernsehteam begleitet, "sind eine Chance für uns, sich der Welt als normales Land zu zeigen, wo Männer und Frauen die gleichen Rechte haben, wo es sich lohnt zu investieren."

Aber in Kabul wettert der Mullah Abdul Matin Mutasem Bilal, Vorsteher der Moschee von Abu Bakar Sidiq, gegen die Teilnahme von Frauen an den Spielen. "Ich lehre die Frauen, sie sollten ihrer Nachbarin nicht das ganze Gesicht zeigen, und dort zeigen sie den Fremden ihren ganzen Körper."

"Ja", sagt Farouq Asefi, Mitglied der Gesellschaft Japan-Afghanistan, "es bleibt noch viel zu tun."